Review
von Leimbacher-Mario
Der Moment, in dem Politik zur Nebensache wurde
Gary Hart... Was hätte dieser Politiker alles erreichen können? Erst recht im Vergleich zu George Bush Sr., der dann Anfang der 90er das Rennen um das weiße Haus gewann. Doch seine Untreue, seine lockere Ehe und die recht plötzliche Geilheit der Presse, der Öffentlichkeit und von uns allen auf private Skandale von Politikern, machte dem aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten einen Strich durch die Rechnung... „The Front Runner“ ging ähnlich wie sein charismatischer Protagonist mit hohen Erwartungen und Vorschusslorbeeren in die diesjährige Oscarsaison, doch genauso wie seine zwiespältige Hauptfigur wird Reitmanns emotionales Polit-Drama wahrscheinlich nächsten Monat überhaupt keine Rolle bei der goldenen Verleihung spielen. Und genauso wie sich heute kaum noch ein Amerikaner an Hart und sein halsbrecherisches Skandälchen erinnert, geschweige denn wir Europäer, wird sich Ende des Jahres auch kaum noch einer an „The Front Runner“ erinnern. Das ist schade und da nehme ich mich raus. Denn mir gefällt dieser knackige „Oscarbaiter“ ausgesprochen gut.
Nicht nur wegen Hugh Jackman in einer der besten Performances seiner Karriere, nicht nur wegen seinem authentischen Look oder dem messerscharfen Drehbuch, den starken Nebendarstellern oder dem hohen Tempo (erst recht für ein politisches Drama; er fühlt sich manchmal an wie eine perfekt durchkomponierte Mischung aus „The Post“ und „The Big Short“) - sondern vor allem wegen seiner Themen und Denkanstöße. In einer Welt, in der ein Donald Trump trotz etlicher Ausrutscher und Skandale zum Präsidenten gewählt wird und im Amt bleibt, könnte man einige Standpunkte zwar schon überholt und altmodisch nennen, doch allgemein hat er bei mir mit seiner ambivalenten Leseart einige Rädchen ins Rollen gebracht. Ist das Privatleben bei Politikern überhaupt wichtig? Muss man sie an ihren eigenen Standards messen? Warum ist die Politik so verpönt und unbeliebt? Behandeln wir Politiker und öffentliche Personen unfair? Oder sind sie es selbst schuld? Will man die alten Zeiten zurück, mehr Narrenfreiheit und Freifahrtscheine? Kann ein untreuer Mann, der aber ansonsten ein Spitzenpolitiker ist, wirklich kein hohes Amt bekleiden? Warum geht man dieses Risiko ein, in dieser Position? Warum macht die Presse das? Was sind Moral und Standhaftigkeit noch wert? Und wer hat schon eine reine Weste? Fragen über Fragen und ein sehr intelligenter Film, der erst richtig beginnt, wenn er endet. Im Kopf der Zuschauer. Und nicht nur in dem der politisch interessierten.
Fazit: scharf, wichtig, bissig, nachdenklich - „The Front Runner“ ist dieses Jahr der beste Oscarkandidat, der nächsten Monat nicht mal in die Nähe des Goldjungen kommt. Über Politik, Presse und Privatleben, und wie diese Dinge plötzlich gefährlich und traurig ineinander verschwommen. Zu unrecht derart übersehen!