kurz angerissen*
Ein kleiner Schritt für das deutsche Kino, ein großer Sprung für den Regisseur. Deutsche Filmförderung kennt ohnehin nichts anderes als Komödien und Geschichtsdramen, aber für Michael "Bully" Herbig ist es aus der Entfernung betrachtet schon ein kühner Schritt vom ewigen Spaßvogel ins dramatische Fach. Dass er ihn scheinbar so mühelos stemmt, hat ihm viel Respekt und Bewunderung eingebracht, was aber hauptsächlich an der begrenzten Fantasie des Publikums liegt, das sich offenbar nicht vorstellen kann, dass eine Indianer-Astronauten-Sissy auch mal Butter bei die Fische geben kann.
"Ballon" ist aber keine dröge Kunde jüngerer deutscher Vergangenheit wie so viele heimische Produktionen, die sich meist an der Nazizeit austoben, sondern ein voll auf Spannung geeichtes Spiel auf Zeit, das sich den kompletten Werkzeugkasten von Kollege Thriller borgt. Wenn Herbig seine Signatur verrät, dann wahrscheinlich über Ausstattung und Komposition, die er ebenso wie schon in "Der Schuh des Manitu" nach dem Vorbild amerikanischer Cinemascope-Megalomanie ausrichtet. Das ist schon richtiges Kino mit memorablen Bildern und eindringlichen Momenten, das in Sachen Schauwerte eine nahezu perfekte Hollywood-Kopie liefert.
Dass Herbig sein Handwerk voll unter Kontrolle hat, könnte man allerdings auch als eine mit düsteren Wolken und leuchtenden Stoffbahnen erzeugte Illusion bezeichnen. Zwar weiß er ganz genau, welche Zutaten er benötigt und wie er sie beschaffen muss, notfalls auf unorthodoxem Wege. Bemerkenswert ist es, wie er die mühsam zusammengekratzten Millionen dazu aufwendet, eine vierzig Jahre alte Vergangenheit neu zu erschaffen. Doch leider tut er dies ohne Gespür für die Abmessungen der verschiedenen Zutaten, die im Idealfall zu einem nahtlosen Ganzen zusammenspielen sollen. Vor allem der Score donnert wie eine rote Warnleuchte über jeden kleinen Fehler, den sich die Strelzyks erlauben. Ob sich nun das Kind im Kindergarten verplappert, eine Verkäuferin Verdacht schöpft oder ein wichtiger Gegenstand vergessen wird - das Drehbuch lässt kein Klischee einer Hetzjagd aus und die Musik drückt einen auch noch mit der Nase rein.
Die Handlung wird vorangetrieben von einem Thomas Kretschmann im Dobermann-Modus, an dessen berechenbar unberechenbarem Verhalten gegenüber seinen Untergebenen das repressive Vorgehen der DDR immerhin spürbar wird, wenn Herbig auch sonst schon keinen Tauchgang in die Abgründe der Exekutive wagt (und erst recht nicht in die noch viel tieferen Abgründe der Entscheidungsträger). Obgleich der Cast grundsätzlich sehr gut aufgestellt ist und mit Friedrich Mücke, Karoline Schuch sowie den Kinder- bzw. Jugenddarstellern Tilman Döbler und Jonas Holdenrieder ein starkes Zentrum bildet, so gibt es in solchen Filmen doch immer einen, der maßlos übertreibt - in diesem Fall wäre das Ronald Kukulies, der chargierend den kumpelhaft-gefährlichen Stasi-Nachbarn gibt, dessen Auftritte allesamt wirken wie Adrenalin verabreicht durch ein Megaphon.
Das passt aber sehr gut zu dem angeschlagenen Gesamtton. "Ballon" eignet sich bestimmt als Gegenbeispiel für das Klischee, der deutsche Film sei nur zu Fernsehfilmen für den Sonntagnachmittag in der Lage. Dieser hier hat es immerhin in den Schulunterricht geschafft, wo er in einer Reihe mit "Schindlers Liste" und "Operation Walküre" seinen Zweck als leicht verdauliche Schnupperstunde für Lernbegierige im Geschichtskurs seinen Zweck erfüllen darf. Aber auch wenn es vor allem bei dem persönlichen Bezug zum Thema, den Herbig vorweisen kann, schwer fallen mag: Manchmal sind die leisen Töne wirkungsvoller.
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