Ein Film, der auf engsten Handlungsspielraum begrenzt ist? OK, da hätten wir „Die zwölf Geschworenen“, der eigentlich jedem Filmfreund ein Begriff sein sollte; und da wäre dann noch Alfred Hitchcocks „Das Rettungsboot“. Ein Film, der in der Masse der Produktionen des wohl größten Regisseurs aller Zeiten schon fast untergeht. Eine tragische Sache ist das, denn „Das Rettungsboot“ ist eines der fesselndsten Dramen des 40er-Jahre-Films.
Nachdem ihr Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt wurde, sind wir Wegbegleiter einer Gruppe unterschiedlichster Menschen in einem Rettungsboot. Im engen Rettungsboot kommt es bald zu den ersten Spannungen in der Gruppe, die sich schließlich dem Höhepunkt nähern, als sie den Kapitän des ebenfalls gesunkenen deutschen U-Bootes an Bord nehmen. Da er derjenige ist, der das größte Know-how im Navigieren hat, beschließt die Gruppe nach einer hitzigen Diskussion, den Nazi am Leben zu lassen. Nach einigen Tagen wird jedoch klar, dass der Deutsche seine eigenen Pläne hat, und die Situation eskaliert…
Die Story aus der Feder von John Steinbeck birgt viel mehr als es die bloße Inhaltsangabe auf den ersten Blick verheißt. Nicht nur die ungewöhnliche Situation, den Feind im Rettungsboot aufzunehmen, muss gemeistert werden, sondern es gilt auch, die unterschiedlichen Charaktere zu einem funktionierenden Team zu vereinen. Und bei diesem Prozess stellt sich dann schließlich diejenige Person als die stärkste heraus, die zum einen vom äußerlichen Erscheinungsbild her am wenigsten in das Szenario passt und zum anderen als charakterlich Schwächste empfunden werden könnte: die Reporterin, verkörpert von Tallulah Bankhead. Sie entpuppt sich als der ruhige Pol der Gruppe, der die Fäden auch in schwierigen Situationen zusammenhält, sie ist die Dolmetscherin für den Deutschen, sie ist das Bindungsglied zwischen Freund und Feind und letztlich auch eine der stärksten Befürworterinnen dafür, den Feind am Leben zu lassen. Dabei verliert Hitchcock die anderen acht Bootsinsassen niemals aus dem Auge, strickt interessante Nebenhandlungen, sogar erste Anzüge von Liebesgeschichten entwickeln sich, und das alles, während sich die eigentliche Haupthandlung langsam aber sicher dem Höhepunkt zuwendet. Dass Hitchcock ein Meister der Bildsprache war, muss hier nicht großartig erwähnt werden, und so ist es ihm auch in „Lifeboat“ gelungen, trotz des sehr begrenzten Raumes, der ihm zur Verfügung stand, Bilder auf die Leinwand zu bringen, die jeden Liebhaber metaphorischer Filmkunst erfreuen dürften. Dass der Feind, Nazi-Deutschland (hier in Person des Schiffbrüchigen Willi), in diesem Film zunächst als der sowohl körperlich als auch mental Stärkere dargestellt wird, wurde zur damaligen Zeit zwar nicht von allen Seiten positiv aufgenommen, doch letztlich macht diese Sichtweise ein gehöriges Stück des Reizes aus, den dieses Drama versprüht.
Hitchcocks „Das Rettungsboot“ ist zweifelsfrei als eine Galionsfigur des Katastrophenfilms anzusehen; ein Film, der von der starken Vorlage Steinbecks lebt, aber auch vom filmischen Können eines Alfred Hitchcocks stark geprägt als ein Meisterwerk des Hollywood-Kinos der 40er Jahre angesehen werden muss. 9,5 von 10 Rettungsringen.