Über Wasser, unter Feinden
Ich hatte immer im Kopf, dass Hitchcock oft so zitiert wird, dass es immer sein Traum gewesen sein soll, mal einen spannenden Film zu machen, der nur an einem Ort spielt, der so klein wie möglich ist. Ein Grab, eine Telefonzelle oder ein Zimmer. Dabei hat er mit "Lifeboat" ja genau so einen Film schon im ersten Drittel seiner Karriere gemacht - und was für ein starker Kriegsthriller! Unter der Prämisse, dass Hitchcock Thriller auf engstem Raum liebte, kann ich mir gut vorstellen, wie sehr er diesen Film schätzte. Eigentlich seltsam, dass er nicht viel öfters genannte wird, wenn es um des Meisters Beste geht. Weder von ihm, noch von Historikern oder Kritikern. Vielleicht liegt es an der (eigentlich humanen) Botschaft, die man leicht falsch verstehen kann oder der spektakulär unspektakulären Machart.
Leicht hätte dieser Kriegsthriller über eine Gruppe von Engländern auf einem Rettungsboot, die nicht nur ums Überleben kämpfen, sondern auch langsam aggressiv & paranoid werden, zu einem einfachen Abbild der Gesellschaft voller Vorurteile werden können. Nicht zuletzt, weil es auch ein Deutscher aufs kleine Boot geschafft. Nun heißt es den Feind von eben, verstehen, ignorieren, töten oder sogar vertrauen? Gibt es vielleicht noch Spione in der Gruppe? Wer führt was im Schilde & welche Gefühle entstehen in so einer aussichtslosen Lage? Wann kommt Hilfe & wenn ja, wird es deutsche oder englische sein? Schon allein anhand dieser dauerhaft präsenter & sich langsam aufladenden Fragen, spürt man hoffentlich die Anspannung. Ein paar unterschiedliche Menschen, in den Wirren des Krieges, in die Ecke gedrängt & entblößt. Der Meister des Thrills zeigt schon hier, mehr als nur ansatzweise, sein Können.
Leicht hätte dieses Kammerspiel auf Meer, in eine Farce voller Stereotypen abdriften können - tut es aber zu keinem Zeitpunkt. Die Charakter an Bord werden differenziert, mysteriös & nie nur schwarz oder weiß gezeichnet - diese unfreiwillige Besatzung wirkt real & bedroht. Ein paar verlieren die Kontrolle, andere hätten sie gerne & andere verlieben sich sogar. Hier gibt es alles auf kleinstem Raum. Ein Boot wie ein Land im Krieg - durchgeschüttelt, wachgerüttelt & gereizt. Der Überlebenskampf gegen die Naturgewalt Meer wird klasse dargeboten, allerdings sind es die inneren Konflikte der Gruppe, die in Erinnerung bleiben. Apropos in Erinnerung bleiben: das ambivalente & höchst clevere Ende des Films, kann von traurig bis hoffnungsvoll interpretiert werden. Es kommt ganz auf den Zuschauer an, der spätestens da, ein Teil des Bootes bzw. der verfeindeten Gruppe wird. Töten oder Erbarmen? Vertrauen oder Misstrauen? Feind oder Freund? Leben oder leben lassen?
Fazit: zu unrecht in Vergessenheit geratenes Frühwerk Hitchcocks, dass unheimlich intensiv die Paranoia & die Angst des Krieges, auf ein kleines Rettungsboot minimiert. Entdecken!