Kennen Sie das, wenn sie die Inhaltsangabe interessiert auf Twilight-Zone-Territorium führt, um dann nach zehn Minuten festzustellen, dass der Film wie ein Krampf im Allerwertesten ausfällt. Es zuckt der Löschfinger, doch dann will man unbedingt noch wissen, was die Pointe ist, bleibt dran und stellt am Ende fest, dass sich der Krampf offenbar gelöst hat und man inmitten eines häßlichen Haufens Exkrements sitzt.
Nein?
Kommt auch nicht so oft vor.
Bei „Controlled – Bewahren Sie Ruhe“ bin ich aber gewillt, eine Ausnahme zu machen.
Die Chose geht so: es gibt da in England eine rabiat disfunktioniale Familie, die enorm schlecht miteinander auskommt. Opa ist ein gehässiges Rassistenschwein, der Vater steht unter Generalverdacht, nicht durchsetzungsfähig zu sein und behandelt deswegen alle wie ein autoritärer Pisser, die Mama hat nichts zu sagen, die schwangere Schwester ist ein großmäuliger Dummbatz und hat eine muskulöse Hohlbratze zum Freund. In diese harmonische Versammlung kehrt nun der Sohn nach längerer Abwesenheit zum Weihnachtsessen mit seiner neuen Freundin heim. Der hat noch so halbwegs seine sieben Sinne beisammen, ist aber emotional schon eingedellt und jetzt wäre da noch die kleine Spitzfindigkeit, dass der relativ Ungeliebte eine indische Freundin (aus dem medizinischen Sektor) mitbringt, offenbar auf ihr Betreiben.
Das wird die Gute genau wie die Zuschauer binnen weniger Minuten bereuen, denn das Familienleben entspricht in etwa einer politischen Diskussion auf Twitter, bei der die Kommentare geöffnet geblieben sind. Man hasst sich, das aber enorm laut. Also gehen die Männer aufeinander los, die Geschwister, die Mama sagt nichts und dem Gast pfeifen die rassistischen Stereotype nur so um die Ohren. Sie halten den Brexit für verfilmungswürdig? Das sind die passenden Karikaturen dazu.
Ohne Feinschliff ergießt sich ein Kübel von plakativsten Eiter über den Bildschirm, nicht die mindesten Ansätze von Höflichkeit können sich ins Heilige Fest retten.
Und kaum hat man einige Stunden geratzt (und ist nicht geflohen, wie es jeder geistig gesunde Mensch getan hätte), steht ein neues Problem ins Haus: alle Türen und Fenster sind mit einer undefinierbaren Masse abgedichtet, allein einige Rohre führen noch nach außen bzw. innen. Und auf dem Fernseher öffnet sich offenbar der Notkanal, der den Insassen die Botschaft bringt, doch bitte drinnen zu bleiben und auf weitere Instruktionen zu warten.
Damit ist der mysteriöse Verkünder natürlich genau bei der richtigen Sippe, denn in dieser repressiven Verwandtschaft gilt nichts mehr, als das Recht des Stärkeren. Und da alle schwach sind, wird die logische Obrigkeitshörigkeit aller Anwesenden zum Brandbeschleuniger des Konflikts.
Denn schon bald ändern sich die Instruktionen, wird das Essen eingesammelt und bald gibt es – benutzte – Spritzen, um sich mit einem unbekannten Stoff zu impfen.
Leute, klingt das nicht irgendwie schön abgründig?
Wie ein Paradebeispiel für soziologische Abgründe, die wie beim „Herrn der Fliegen“ eine Katastrophe in Gang setzen?
Habe ich nach Sichtung des Summary auch gedacht.
Leider geht Johnny Kevorkian (wer?) nicht subtil mit dem Skalpell vor, sondern statt mit der Kettensäge gleich mit der Neutronenbombe, wenn es um den Plot geht. Keine drei Minuten gibt man dem Fremdschämen, dann herrscht offener Krieg und bis zu opressiven KZ-Methoden ist es keine halbe Stunde mehr hin.
Die hier präsentierten, absolut widerlichen Kleinbürgerkarikaturen, die man bis ins maximal Groteske aufgeblasen hat, stehen offensichtlich für die Unfähigkeit des Menschen, selbst zu denken und zusammen zu arbeiten, sofern das charakterlich oder erzieherisch nicht zufällig vorhanden ist. Besser man hat dann einen Fernseher bzw einen Staat, der einem sagt was man tun soll, ohne es zu hinterfragen.
Ja, das hier ist das berühmte Milgram-Experiment (in dem ungesehen auf Aufforderung Elektroschocks vergeben wurden) in Spielfilmlänge und das muss man auch kaum erklären, denn die Familie heißt MILGRAM. Oh, the subtility!
Alsbald gibt es Drohungen und Zwänge und als das TV-Set verkündet, dass einer im Haus falsch spielt und isoliert werden muss, dauert es keine drei Sekunden, bis die Ausländerin schuld ist.
Inzwischen hatte ich angesichts der ekelhaften Plattheit der Figuren und der entsetzlich vorhersehbaren Aufgesetztheit angefangen, die Tapeten von der Wand zu krallen – man muss schon ein enorm düsteres Kerlchen sein, um diese geifernde Keilerei ansprechend zu finden – zum Glück steigt der Bodycount im Inneren des Hauses dann auch bald an.
Das macht die Chose leider nicht besser, aber irgendwann konzentriert sich der Restplot dann darauf, was wohl hinter dem „Material“ steckt, das aus vielen kleinen Röhren besteht und offenbar die Insassen technisch ausspioniert. Das geht nicht ohne noch mehr Opfer ab und als es dann eigentlich nur noch drei Figuren gibt (wofür man sehr dankbar sein kann) kommt Autor Gavin Williams (sein erster Langfilm, vorher nur Kurzfilme) mit einem Twist um die Ecke, der nicht nur unerwartet, sondern auch für die letzten 20 Minuten zunehmend grotesker wird.
Ich will hier jetzt wirklich nicht spoilern, aber zu erwarten ist das, was da kommt nicht in vollem Umfang, aber es ist im Kontext immerhin unpassend, ungeklärt und vollkommen absurd und wenn es denn auf einem Motiv basiert, welches den bisherigen Ablauf provozieren musste, dann erschließt es sich mir leider nicht. Die ganzen Botschaften, Anweisungen, Handlungen, Grausamkeiten, das alles erscheint plötzlich gänzlich sinnfrei und steht in keiner Relation zur Schlusspointe. Und was das ist, was da von draußen droht (oder reinkommt), das klärt man besser auch nicht, ich kenne aber mindestens zwei SciFi-Klassiker, die der Autor garantiert vorab gesehen hat („The Matrix“ und „Des Teufels Saat“).
Wer also mal Bock hat, sich spielfilmlang Hass und Frustration reinzuziehen und kaputt genug ist, diesen Vorschlaghammer eventuell als eine Art zynische Satire zu sehen, der möge sich das Teil einpfeifen. Mancher ist ja mit einem „Over-the-Top“-Wow-Effekt ohne Sinn und Verstand schon toal glücklich.
Ich für meinen Teil hätte alle zwei Minuten „JA, JA, WIR HABENS BEGRIFFEN!!!“ schreien können und nehme das Erlebnis mit für den Fall, das ich mal wieder beim Familientreffen entscheiden muss, ob ich Onkel Franz über den Mund fahren sollte oder den Familienfrieden bewahren, wenn er bodenlose Scheiße labert. Denn die Lösung ist: Lock ihn den Keller und dübele ihn bis Neujahr an die nächste Wand. Besser für alle.
Guck an, doch was gelernt aus dem Müll. 3/10