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Die Banlieues von Paris sind ein ungemütliches Pflaster - an den Rand der Gesellschaft gedrängte Bevölkerungsschichten fristen hier ein Dasein zwischen Kriminalität und Hoffnungslosigkeit. Dieses Schicksal teilt auch Manuel Marco (Matthias Schoenaerts), ein tougher Mittdreißiger aus dem marokkanischen Einwanderer-Milieu. Der wortkarge Einzelgänger, der von der Mutter seines Kindes getrennt lebt, ist in seiner Community ein anerkanntes Mitglied und wird für einen Rauschgift-Deal eingesetzt: Einige Kilo Koks gilt es zu verkaufen, und die drei Männer sind guter Dinge, als sie morgens losfahren. Doch unterwegs kommt es völlig unerwartet zu einem Drive-by-Shooting, dem Manuel nur mit knapper Not entkommen kann - seine Begleiter, darunter sein bester Freund Imrane, sind tot und der Stoff weg. Völlig konsterniert taucht Manuel erst einmal unter und gerät schon bald selbst in den Verdacht, etwas mit dem Überfall zu tun zu haben. Parallel zu diesen Begebenheiten ermittelt Manuels Jugendfreund Driss (Reda Kateb) als Drogenfahnder ebenfalls in diesem Milieu - der ruhige, desillusionierte Zivilbeamte entstammt ebenfalls einer marokkanischen Familie, hatte sich aber beizeiten für die andere Seite entschieden. Er bietet dem um seine Reputation im Viertel - und damit sein Leben - kämpfenden Manuel seine Hilfe an, wenn dieser ihm dafür die Auftraggeber liefert - ein Ansinnen, das Manuel zuerst brüsk ablehnt, zumal Driss durchblicken läßt, daß der erschossene Imrane als Spitzel für ihn tätig war. Nach einigen waghalsigen, ergebnislosen Nachforschungen willigt Manuel dann schließlich doch ein...

Die Tristesse düsterer Wohnsilos verbunden mit allgegenwärtiger Aussichtslosigkeit bestimmen das Szenario dieser französischen Produktion, die das schwierige Verhältnis zweier ehemaliger Jugendfreunde zueinander beleuchtet. Dabei geht es zwischen den wenigen Action-Szenen vor allem darum, wer wem (noch) trauen kann: Der impulsive Manuel kann es lange Zeit nicht fassen, daß es jemand auf ihn abgesehen haben könnte, wo er doch bisher alles richtig gemacht hatte, nie rerspektlos war und sich nie mit den falschen Leuten angelegt hat - und sein Freund Imrane, einer der ganz wenigen, denen er wirklich vertraute, dieser Imrane soll von der verhassten Gegenseite (der Polizei) angeworben worden sein? Der untergetauchte Manuel versteht die Zusammenhänge nicht - fieberhaft klopft er aus der Deckung heraus (hier: wechselnde Hotelzimmer) diverse Mitspieler ab, ohne größeren Erfolg. Immer größer wird dafür seine Wut auf die Auftraggeber des Überfalls, die Imrane erschossen hatten und auch ihn selbst erledigen wollten. Demgegenüber steht der antriebslos wirkende, vom Leben enttäuschte Drogenfahnder Driss, der sich wenig Illusionen macht: Im eigenen ethnischen Milieu verhasst, hat er auch bei seinen französischen Kollegen keinen leichten Stand. Er weiß genau, daß er nur ein kleines Rädchen ist und es in diesem Job bestenfalls unbeschadet bis zur Pension bringt, aber diese ebenso pessimistische wie klare Denkweise bringen ihn dazu, in Eigeninitiative auf den kriminellen Jugendfreund zuzugehen: Eine vermeintliche win-win-Situation für beide, aber Manuel hasst die Polizei und erst recht jede Spitzeltätigkeit und Driss hat Glück, sich für seinen Vorschlag keine Kugel einzufangen, denn die Waffen sitzen locker in der Banlieue...

Mit den knappen Dialogen und ungeschminkten Kurzsätzen, Kommandos und Flüchen, die dem Geschehen eine gewisse Authentizität verleihen, muß der geneigte Zuschauer sich den einen oder anderen Zusammenhang zwischen Flucht, Mißtrauen und Brutalität vor zwischenzeitlich eingestreuter nordafrikanischer Folklore selbst zusammenreimen. Dies artet zwar nie in Logiklöcher aus, verlangt aber durchaus etwas Kombinationsgabe - dazu kommt, daß die beiden Hauptdarsteller zwar jederzeit überzeugend agieren, durch ihre Verbissenheit (Manuel) bzw. vermeintliche Lethargie (Driss) es aber nicht schaffen, den berühmten Funken überspringen zu lassen.
So ist Frères ennemis größtenteils eine (weitere) Milieustudie über die Trostlosigkeit in einer der Pariser Vorstädte, die als solche klaglos funktioniert, inhaltlich jedoch wenig Neues bietet. Für Genrefreunde auf jeden Fall sehenswert. 6,49 Punkte.

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