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Sein Buch über das Leben und die Psychologie der Wölfe führt den älteren Verhaltensforscher Russell Core (Jeffrey Wright) in das abgelegene Dorf Keelut in Nordosten Alaskas: Dort hatte ihm eine Frau einen Brief geschrieben, in dem sie das plötzliche Verschwinden ihres 6-jährigen Sohnes den Wölfen anlastet und seinen Expertenrat benötigt, zumal dies schon der dritte derartige Vorfall dieses Jahr sei. Der phlegmatische Core, der sich bereits auf seinen Lebensabend vorbereitet, folgt aus innerer Neugier heraus dem Ruf aus dem kalten Norden und besucht die Absenderin Medora (Riley Keough) in ihrem nur wenige Hütten zählenden Dorf. Die junge Frau, deren Mann Vernon (Alexander Skarsgård) seit Jahren im Irak dient (sich nach einer Verwundung aber auf der Heimreise befindet) spricht allerdings eher verwirrend mit dem Gast, der daraus nicht schlau wird. Als Core tags darauf ein Wolfsrudel aufspürt, das gerade einen Welpen frißt, ahnt er, daß die Tiere nicht für das Verschwinden des/der Kinder verantwortlich sein können. Als er zurückkehrt, ist Medora verschwunden und Core entdeckt auf der Suche nach ihr im Keller des Hauses die Leiche ihres Kindes: es ist offenbar stranguliert worden. Nachdem die örtliche Polizei den Fall übernimmt, will Core eigentlich seine Tochter in Anchorage besuchen, bleibt aber der Formalitäten willen auf Bitten des Polizeichefs Donald Marium (James Badge Dale) noch kurz vor Ort und lernt so den Irak-Rückkehrer Vernon kennen. Der nimmt ohne äußerliche Erregung den Tod seines Sohnes und das Verschwinden seiner Frau zur Kenntnis, startet dann jedoch einen blutigen Rachefeldzug gegen all jene, die er dafür verantwortlich macht...  

In seinem auf einer Buchvorlage basierenden Mystery-Thriller Hold the dark läßt Regisseur Jeremy Saulnier nach einer eher behäbigen Einführung wie aus dem Nichts unerwartet rohe Gewalt ausbrechen, die dem unbedarften Zuseher Rätsel aufgibt und für eine gewisse Spannung sorgt, vor allem da nichts und niemand den Killer aufzuhalten vermag, dessen Motive den ganzen Film über jedoch weitgehendst im Dunklen bleiben. So sehr auch Skarsgårds Auftritt als eiskalter Rächer zu überzeugen vermag, so wenig hat ihm die Gegenseite in Gestalt des die ganze Chose ungläubig mitverfolgenden Core im Schlepptau von Deputy Marium entgegenzusetzen - man ahnt schon, daß die Gesetzeshüter hier ordentlich Federn lassen werden, aber mitfiebern kann man mit keiner der beiden Seiten.

Während also die Fahndung nach der Kindsmörderin läuft, wird diese ebenfalls von Vernon gesucht, der nebenbei die Leiche seines Sohnes klaut und diese nach einem seltsamen Ritus im Schnee bestattet - eine von mehreren Szenen, die den kriegserprobten Vater charakterisieren, der seine Pläne wortkarg, aber ohne zu zögern ausführt.
Seinen dramatischen Höhepunkt erreicht der Film ungewöhnlicherweise schon kurz nach der Hälfte der Laufzeit, als sich Vernons Freund Cheeon, ein indigener Cop-Hasser, mit einem am Scheunenboden verankerten Maschinengewehr einen verlustreichen Shoot-out mit sämtlichen zusammengetrommelten Ordnungshütern liefert - welche dem Zuschauer nicht erklärliche Vorgeschichte muß es da gegeben haben, daß dieser verbitterte Cheeon sogar ein persönliches Vermittlungsgespräch von Deputy Marium zynisch ablehnt ("San Diego, aha. Nie davon gehört")! Leider bleibt man angesichts der teilweise überbordenden und scheinbar unmotivierten Gewalt vor allem in der zweiten Filmhälfte ratlos zurück und mag sich wegen des unspektakulären, nicht das Geringste aufklärenden Finales sogar ein wenig ärgern.  

Hold the dark (dessen deutscher Titel Wolfsnächte eher in die Irre führt, da Wölfe hier nur eine symbolische Rolle spielen) hätte sich aufgrund von Dramatik, Kameraführung und Kulisse (die unendlich weiten, schneebedeckten Bergwälder Alaskas, obwohl in Alberta, Kanada gedreht wurde) durchaus eine gute Wertung verdient, leider erschließt sich der Sinn der ganzen Story nur durch exaktestes Hinsehen und Zuhören, was den meisten Zusehern, die sich durch einen Film gut unterhalten lassen wollen, in diesem Maße schlicht nicht zugemutet werden kann.

Achtung, der folgende Absatz enthält einige Spoiler:

Tatsächlich liefert Hold the dark einige äußerst dezente Hinweise, die man abgelenkt durch die vordergründige Gewalt gerne übersieht: Vernon und Medora sind nämlich Geschwister (beide sind blond und haben ähnliche, skandinavische Gesichtszüge, siehe Bemerkung der Pensionsbesitzerin, weiters antwortet Medora auf Cores Smalltalk-Frage, wo sie sich kennengelernt hätten, daß sie Vernon "schon ihr ganzes Leben lang kennt"), und das inzestuös gezeugte Kind hat vom Vater Vernon dessen Raubtiernatur geerbt (siehe den Mord an einem vergewaltigenden Kameraden im Irak wie auch die Bemerkung des alten Maskenherstellers am Schluß, Vernon hätte schon als Kind etwas Böses an sich gehabt): bei einer Rückblende antwortet Vernon seinem Sohn auf dessen Frage, ob man töten dürfe, nur, daß dies "manchmal vonnöten sei, um jene zu schützen, die man liebt". Tatsächlich hat der kleine Bub die beiden anderen Kinder getötet, und um ihn vor der Justiz zu schützen, erwürgt ihn seine eigene Mutter, die damit "das Rudel" (ihre Familie) schützt, analog zur anfänglichen Szene mit Core im Wald, der das Auffressen eines Welpen mitverfolgt, womit das Wolfsrudel seinen Fortbestand sichert. Das Aufziehen der hölzernen Wolfsmaske als sichtbares Zeichen für die ausbrechende Wolfsnatur Vernons hingegen ist für diesen Kontext deutlich zu vordergründig und wirkt eher albern - wesentlich diffuser ist da schon jene Szene am Schluß, wo der verletzte Core von indigenen Frauen verarztet wird, während eine blonde Weiße dessen (von Vernon stammende) Stiefel an sich nimmt - sie ist Vernons und Medoras Mutter, während die anderen Frauen sinnbildlich für die den Verletzten verschonenden Wölfe stehen (während dieser draußen hilflos im Schnee liegt).
All dies ist freilich nur äußerst schwierig aus dem Film herauszudestillieren, erklärt immer noch nicht alles und hinterläßt hinsichtlich einer moralischen Bewertung - angesichts der zum Schluß unbehelligt weiterziehenden Geschwister - ein zwiespältiges Gefühl, hilft aber zumindest, die rätselhaften Umstände wenigstens halbwegs zu verstehen, wenngleich man diese natürlich keineswegs billigen muß.

Somit bleibt am Ende ein streckenweise furios inszenierter Thriller mit einem moralisch fragwürdigen Schlußpunkt, der thematisch ähnlich gelagerten Filmen wie The Grey oder Wind River allein durch seine sperrige Erzählweise allerdings zu keiner Zeit das Wasser reichen kann: 5 Punkte.

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