Review

Deutscher Fincher? Oder „nur“ Fitzek?


„Abgeschnitten“ ist eine überlange Romanverfilmung und ein dreckiger Thriller aus deutschen Landen, der auf den ersten Blick sicher auch aus unseren skandinavischen Nachbarstaaten kommen könnte. Erzählt wird von einem Gerichtsmediziner, der bei der Autopsie einer grausam verunstalteten Leiche einen Hinweis auf die Entführung seiner eigenen Tochter bekommt. Mithilfe einer jungen Comiczeichnerin, die er am Telefon wortwörtlich durch eine weitere Leiche leiten muss, kommt er der Wahrheit, einem barbarischen Psychopathen und seiner Tochter immer näher…

Keiner kann mir sagen, dass „Abgeschnitten“ zu sauber, zu typisch deutsch oder langweilig wäre. Beim besten Willen nicht. Ganz im Gegenteil. Die Obduktionen sind garstig, die Atmosphäre zum Schneiden dick, Lars Eidinger hat selten einen fieseren Kerl gespielt. Und dennoch merkt man natürlich, um nochmal auf meine Überschrift zurückzukommen, dass ein Fitzek ganz sicher kein King, ein Alvert ganz sicher kein Fincher ist. Dafür sind Ausgangsmaterial und Kern zu austauschbar, zu mainstreamig, zu generisch und eher mit großen Vorbildern ausgestattet als mit eigenen Ideen, seinem eigenen Ding. Aber schlecht ist „Abgeschnitten“, weder als Buch noch als Film, sicher nicht. Die Dialoge wirken teilweise etwas steif, über zwei Stunden hätte der ausgedehnte Krimi sicher nicht gehen müssen, trotzdem wirken die Figuren sehr klischeehaft und unterentwickelt, das Ende wirkt arg gehetzt und manchmal wünscht man sich gerade im Mittelteil mehr Zug, mehr Konzentration auf das Wesentliche, mehr Durchgreifen des Regisseurs, eine klarere Linie, weniger Sprunghaftigkeit und Ablenkenlassen von Nebenschauplätzen. Aber für mich überwiegen trotz allem eher die positiven Aspekte und wer deutsche Krimis wie „Antikörper“ oder „Anatomie“ damals wie heute mochte, wird sicher auch „Abgeschnitten“ in solider Tradition sehen. Denn auch Deutschland kann das eben und war immer auch Teil der europäischen Thrillergemeinschaft. Und Jasna Fritzi Bauer sieht man immer gerne. Pluspunkt. 

Fazit: Christian Alvert setzt Spannung und Atmosphäre des Romans solide um, nimmt sich sowohl deutsche Traditionen, nordische Krimis sowie amerikanische Schwergewichte als Vorbild, ohne ein totales Derivat zu werden und ist allgemein einer der unterschätzteren deutschen Regisseure der letzten Jahre. Wenn’s nach mir geht, dürfte er öfters Genre inszenieren. „Abgeschnitten“ ist ein eingespielter Tipp für Thrillerfans. Eiskalt und düster. Hart für den Magen auch. Zumindest für den Mainstream. 

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