Als Drehbuchautor („Cloverfield“, „Der Marsianer“) sowie als Creator der Marvel-Webserie „Daredevil“ ist Drew Goddard eh als kreativer, verspielter Genre-Mainstreammacher bekannt, vor allem aber seines furiosen Regiedebüts „Cabin in the Woods“ wegen. Mit „Bad Times at the El Royale“ legt er nun nach und nimmt sich dabei den schillernden Pulp-Thriller vergangener Dekaden vor, wie dereinst Quentin Tarantino, zu dessen Schaffen es durchaus Parallelen gibt.
Dass Gangsterfilmtopoi hier eine große Rolle spielen, macht schon die liebevoll gefilmte, inhaltlich aber deutlich weniger liebevolle Eingangssequenz klar, die Felix (Nick Offerman) im Jahre 1959 zeigt. Er bezieht ein Hotelzimmer, entfernt Teppich und Dielen und versteckt eine Tasche mit Geld unter dem Fußboden. Wenig später kommt ein weiterer Mann hinzu, der Felix ermordet und von dannen zieht. Man weiß noch nicht genau wer hier Felix warum ermordet hat, aber man weiß bereits, dass all das eine Rolle im Folgenden spielen wird. Denn den Schauplatz legt der Titel schon fest: Das El Royale, ein Hotel auf der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada liegt und genau diesen Umstand sogar baulich mit einbezieht, wenn eine Markierung mitten durchs Gebäude die Staaten voneinander abgrenzt. Es ist nur eine Eigenheit der Hotels, das auch ein Motel sein könnte.
Doch ehe man weitere Besonderheiten des Gebäudes kennenlernt, treten – zehn Jahre nach der Eingangssequenz angesiedelt – die ebenso schrägen Figuren auf, zumindest vier von ihnen, die sich in der Lobby treffen. Als da wären: Der großkotzige Staubsaugervertreter Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm), der alternde Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), die Lounge-Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) und das Hippie-Girl Emily Summerspring (Dakota Johnson), die dem Concierge Miles Miller (Lewis Pullman) erst einmal Beine machen müssen. Ein schräges Ensemble, geprägt von Anti- und Sympathien füreinander – und von Geheimnissen, denn mindestens eine Figur muss ja etwas mit der Auftaktsequenz zu tun haben.
So stellt sich zumindest für den Zuschauer bald heraus, dass nicht jeder oder jede der oder die ist, der oder die er oder sie vorgibt zu sein. Während die Nacht aufzieht, geht ja seinem Treiben nach, doch dabei überkreuzen sich die Wege. Und die vier Gäste sind noch nicht die letzten, die diese Nacht das El Royale heimsuchen werden…
Je weniger man über den Handlungsverlauf von „Bad Times at the El Royale“ weiß, desto besser. Es ist ein Gangsterthriller, in dem bis auf ein, zwei Ausnahmen jede Figur eine verdeckte Agenda oder verdeckte Abgründe mit sich trägt, in dem sich mehrere Handlungslinien kreuzen, die sich unter anderem um eine Sekte, die eingangs gezeigte Beute aus einem Raub sowie ein Film geht. In diesem Film wird eine berühmte Persönlichkeit beim Sex gezeigt, deren Namen der Film nicht nennt – es könnte aber wahrscheinlich eine Anspielung auf Martin Luther King sein, dessen Affären das FBI damals auf Film aufzeichnete (eine andere Option wäre John F. Kennedy). Sektenführer Billie Lee Ray (Chris Hemsworth) dagegen ist an Charles Manson angelehnt – ähnlich wie zeitgleich „Mandy“ auf den Sektenguru anspielte, ehe Quentin Tarantino sich des Themas mit „Once Upon a Time in Hollywood“ direkt annehmen wird.
An Tarantino erinnert „Bad Times at the El Royale” durchaus. Nicht nur wegen des „The Hateful Eight“-ähnlichen Settings, sondern auch aufgrund der ähnlichen Anlage: Viel Style (hier eben: Sixties-Style), unterlegt mit einem Mix von Pop- und Soulstücken der Ära, schräge Charaktere, coole Dialoge, sich kreuzende Plotlinien, Unterteilung in Kapitel, Erzählung verschiedener Szenen aus der Perspektive unterschiedlicher Figuren. Und doch ist Drew Goddard nicht einfach ein Epigone Tarantinos, dessen Name immerhin inzwischen quasi für das Genre des postmodernen Gangsterfilms steht, sondern baut mit ähnlichen Mustern einen ganz eigenen Film auf. Einer, der weniger auf Popkulturzitate setzt, sondern sich mehr auf die Figuren konzentriert, die trotz aller Skurrilität doch lebensnäher gezeichnet werden als Tarantinos ikonische larger-than-life-Charaktere.
So gibt es durchaus Annäherungen zwischen den Fremden, die durch die nach und nach eskalierende Situation entweder zu einer Schicksalsgemeinschaft oder zu Gegnern werden. Alle von ihnen sind mit nachvollziehbaren, unterschiedlich sympathischen Motivationen ausgestattet. Mit vielen von ihnen entwickelt der Zuschauer Sympathien, was es umso involvierender macht, wenn die Geschehnisse die Belegschaft ausdünnen – denn die Menge an Einzelinteressen, oft gepaart mit Mord- und Gewaltbereitschaft, führt zwangsläufig zu Opfern unter den Figuren. Noch dazu inszeniert Goddard das Ganze durchaus bildgewaltig, etwa im Finale, das durch die gleichzeitig von Feuer und Regen eine infernalische Qualität hat. Und hart ist „Bad Times at the El Royale“ in mehrerlei Hinsicht, denn hier wird nicht nur mitleidslos gemordet, sondern das auch auf wenig zimperliche Weise mit Messerstichen, Kopfschüssen und Schrotflintentreffern.
Unterstützt werden Goddards cleveres Drehbuch und seine saubere Regie von einem großartigen Ensemble: Jeff Bridges als mit Demenz kämpfender Priester, Jon Hamm als Schnösel und Dakota Johnson als Hippiefrau sind bekannte Namen, die sich sichtlich wohl fühlen, Chris Hemsworth als durchgeknallt-manipulativer Sektenführer ein echte Rampensau. In Sachen Klein- und Kleinstrollen sind neben Nick Offerman noch Charaktergesicht Shea Whigham und Indie-Darling Xavier Dolan zu sehen. Aber auch die unbekannten Namen unter den Hauptdarstellern schlagen sich sehr gut: Lewis Pullman, Cailee Spaeny und Broadway-Star Cynthia Erivo.
Goddard lässt Erivo dann auch standesgemäß einige Gesangseinlagen zukommen, die aber vielleicht etwas zu lang ausgespielt werden. Das ist dann vielleicht auch einer von zwei kleinen Wehrmutstropfen bei „Bad Times at the El Royale“: Vielleicht hätte sich Goddard etwas kürzer fassen können, so gern man mit ihm auch den exotischen Schauplatz und die ganzen Hintergründe seiner kreativ erdacht Figuren auch auskostet. Das hätte Goddard gleich mit einer Verbesserung von Wehrmutstropfen Nr. 2 verbinden können: Sobald ungefähr zur Halbzeitmarke fast alle Geheimnisse offengelegt und quasi alle Figuren in Stellung gebracht sind, lassen die Faszination für und das Überraschungspotential von „Bad Times at the El Royale“ nach – vielleicht hätte man genau hier noch etwas straffen können.
Aus diesen Gründen reicht „Bad Times at the El Royale“ nicht ganz an Goddards furioses, genrereflexives Regiedebüt „Cabin in the Woods“ heran: Hier werden Genrestandards lieber lustvoll durchexerziert als aufs Korn genommen. Doch mit seinem Style, seinen tollen Dialogen, seinen Anspielungen auf den Zeitgeist der 1960er, seinen stark geschriebenen Figuren und seinen vor allem in der ersten Hälfte auftretenden überraschenden Wendungen ist „Bad Times at the El Royale“ immer noch extrem spaßiges Thriller-Entertainment mit schwarzhumoriger Note, das sich 7,5 Punkte meinerseits verdient.