Das ist sie dann wohl, diese Hassliebe.
Der lange in der Produktionshölle Hollywoods gefangene Film über das Leben und Schaffen der Band Queen, mehr noch Freddie Mercurys, war erwartungsgemäß ein monströser Hit an den Kassen, hat das allgemeine Interesse an den britischen Ausnahmetalenten wieder zum Leben erweckt (wenn es denn je wirklich erloschen war) und bei den Preisverleihungen der uns bekannten Welt abgeräumt. In unregelmäßigen Abständen schaue ich mir den Streifen an und wippe mit dem Fuß, durchlebe dabei die Emotionen einer Liebe: Mal ist man hin und weg, manchmal auch im Clinch miteinander. Am Ende zieht der Ärger bis in die Knochen.
Haken wir gleich vorweg mal das grundlegende Kredo der Autoren ab, mit der offiziellen Historie Schlitten zu fahren. Da passt kaum ein eingeblendetes Jahr zum Gezeigten: Songs werden werden älter gemacht, als sie sind (oder jünger), Live-Auftritte durcheinander gewirbelt, Themen angesprochen, die so nie stattgefunden haben bzw. weit weniger theatralisch. Recht hat schließlich die Kunst: Wer eine fundierte Doku sehen will, der greife doch bitte zu den drölfzehn Sachfilmen, die im Äther tänzeln, oder gleich zur Literatur. Wikipedia soll es ja auch noch geben.
Fakt ist: Wer den legendären Auftritt bei Live Aid '85 als sein Filmfinale wählt, gleichzeitig aber das massentaugliche Heros-Thema bedienen will/muss, streng geschnürte zwei Stunden Zeit hat für (grob) fünfzehn Bandjahre und die Plattenfirma im Nacken, die den Soundtrack noch vor dem internationalen Kino-Release in den Laden schmeißt (und damit praktisch das Liedgut vorgibt, das bitte im Film vorkommen soll) – der hat nicht viel Spielraum, kann eigentlich nur noch Fakten langziehen, quetschen, auch mal frei interpretieren. In dieser sicherlich nicht ganz stressfreien Atmosphäre erscheint die böhmische Rhapsodie als Film erstaunlich kompakt und mundgerecht. Soll heißen: Ja, man hat verdammt viel Spaß, Kurzweil in Perfektion. Keine Szene scheint – zumindest im Kontext der, sagen wir es jetzt mal, halb fiktiven Handlung – wirklich überflüssig.
Geschenkt sind damit die gröbsten Freiheiten, die man sich mit dem Löffelbagger geschaufelt hat. Dass Freddie eine Bar besucht und die Gruppe Smile bestaunt, deren Sänger sich praktischerweise am selben Abend noch von Gitarrist und Schlagzeuger trennt, Frederick zwischen Wegebier und Hinterhof also gleich zum Vorsingen kommt, lässt sich flüssiger in zehn Minuten erzählen als die langwierigen Tatsachen. Auch die zügige Zusammenlegung ganzer Epochen ist für die angedachte Laufzeit unumgänglich: da kommt es einem schon mal so vor, als hätte die Band nur zwei, drei reguläre Alben veröffentlicht (statt der elf, die bis 1985 erschienen sind), und sonst nur Singles. Für den geneigten Queen-Biografen ein logistischer Alptraum, für das zahlende Mainstream-Publikum - wohl über übel - ausreichend.
In diesem fröhlichen, allzu formelhaften Etappenlauf also (Song Origins, Live-Auftritt, lustige und/oder dramatische Szene, dann wieder von vorn) dient nicht nur die limitierte Laufzeit als Herausforderung, als da noch wäre: die Altersfreigabe. Denn was, wenn nicht etwa die Geschichte von Queen, mit ihren berühmt-berüchtigten Exzessen, mal bestätigten, dann wieder annullierten Legenden, eigne sich besser für einen cineastischen Familientag? Vieles wird – versteckt und höflich umschrieben – in abklingenden Nebensätzen erwähnt („Hol mal den Schnee!“), anderes im Vorbeifahren kurz durchgewunken, vieles schlicht nicht erwähnt. Ob eine höhere Einstufung den Inhalten besser getan hätte, darüber lässt sich streiten; dass der Streifen aber, ganz im Gegensatz zur Musik seines Vorbilds, unentwegt mit angezogener Handbremse zu fahren scheint, ist eine weitere, unnötige Auflage. Kurzum: der Film könnte und würde so gerne, man lässt ihn nur nicht.
Handlungstechnisch fokussiert man sich auf Freddie Mercury, Aufstieg und Fall bzw. Diagnose (wieder zeitlich vorgezogen, aber für die Handlung verständlich): dem Anfang vom Ende, sozusagen. Problematisch wird es, wenn die anderen Band-Mitglieder gezeigt werden. Zwar ist man bemüht, Mercury von einigen fälschlich zugeschriebenen Heldentaten loszureißen (und sei es nur dem Schreiben einiger Klassiker), die Brian May, Roger Taylor und John Deacon selbstverständlich zustehen, doch verhaspeln sich Drehbuch und Produktion manchmal in Wort und Bild, wenn es um die dargestellte Einheit geht. Bezeichnend die viel kritisierte Szene auf dem Balkon, wenn sich die junge Band dem Manager John Reid präsentiert: da ist der Schnitt hektisch-nervös darauf aus, jedem der Musiker die gleiche Screentime zu verschaffen, jede Reaktion zu erhaschen, jeden flüchtigen Blick, denn: sie alle sind Legenden (Filmzitat), nicht nur er, nicht nur Fred. Bei einem späteren Moment kurz nach dem Release von I Want To Break Free (wir erinnern uns: die Band in Frauenkostümen, die pathetische Empörung in den USA) zählt Mercury plakativ vor allen Anwesenden auf, wer die Idee zu dem Video hatte (Taylor) und wer den Song überhaupt geschrieben hat (Deacon) – als würde man ihm von der Theaterbühne her noch Text zuflüstern, als hätten sich ein paar Eltern nach der letzten Schulaufführung beschwert, dass ihr Sohn gar nicht zu sehen oder schlecht zu verstehen war. Warum dieses teils unglückliche Betonung der Viersamkeit dicke Luft schafft? Weil die Gleichbehandlung bei den Problemen aufhört.
„In dieser Band ist nur Platz für eine Drama-Queen.“
Denn letztlich ist es Freddie, der an allem irgendwie und irgendwann die (Teil)Schuld trägt, Sünder der Stunde ist, Problem und Aggressor. Seine Kollegen dagegen spazieren in ungleich helleren Pastelltönen daher, sind Familienväter, grundsätzlich ordentliche Menschen (weil... was? hetero?), genial eben, nur ohne Provokation. Kurz vor der vermeintlichen Trennung der Band (die so nie stattgefunden hat) wird Freddie dafür angefeindet, ein Solo-Album aufnehmen zu wollen: Empörung bei den Freunden, Enttäuschung, zerstörte Banden. Zur Information: zu diesem angedachten Zeitpunkt hatte Roger „Ich kann es nicht fassen, dass du uns im Stich lässt“ Taylor bereits zwei Solo-Alben veröffentlicht, Brian May zumindest eine EP. Freddies folgende Session mit Studiomusikern wird demgemäß als dröger Rentnergeburtstag ohne System dargestellt, der Output als leblos. Es sind Sinnbilder wie diese, die Bohemian Rhapsody wie eine Vendetta aus Trotz und Besserwisserei erscheinen lassen. Übrigens: Freddies erste Solo-Album, Mr. Bad Guy, ist besser als sein hier propagierter Ruf.
Bis hierhin wurde auch Paul Prenter, Freddies zeitweiliger Manager und Freundschaft plus, als Disney-Bösewicht auf- und wieder abgebaut. Prenter (in Fankreisen immer eine dubiose Gestalt, von May und Taylor in späteren Dokus dann regelrecht dämonisiert) kann historisch gesehen durchaus als queen'sche Yoko Ono betrachtet werden: dass sein schlechter Einfluss (Drogen und Clubs) aber so weit gehen sollte, Freddie nichts von Live Aid zu verraten, weil er, Prenter, die lustigen Hauspartys nicht missen mag, ist an jedem Haar einzeln herbeigezogen. Nochmal: Es ist das eine, bandbezogene Fakten um Songs und Jahreszahlen an die klassische Filmstruktur anzupassen, um eine Spannungskurve zu generieren – seinen real existierenden Personen aber Fehler und Untaten anzukreiden, des billigen Nervenkitzels wegen, ist vor allem eines: üble Nachrede.
Seinen traurigen Höhepunkt findet das einseitige Scharmützel kurz vor Schluss und vor Live Aid: Mercury trollt sich reumütig zurück zu seinen Freunden (?) und Bandkollegen, um seine Schelte abzuholen und Besserung zu geloben. Wie ein kleiner Junge wird der (in der Realität übrigens vielfach als Streitschlichter und Vermittler gelobte) Star raus und vor die Tür gestellt: soll er darüber nachdenken, warum er einen Knallfrosch in der Mädchenumkleide hat hochgehen lassen? Endlich erscheint John Deacon in der Tür: „Du kannst wieder reinkommen.“ Forderungen werden gestellt, freilich ohne Auswahl. Davor hat Mercury noch einmal klargestellt, warum seine Musik und Ideen nicht ohne die drei Kumpanen und ihre liebevollen Eigenarten funktionieren würden. Zugeständnisse von der Gegenseite gibt es nicht. Man hat ja nichts falsch gemacht.
Hat man überhaupt was gemacht?
Es endet, wie es enden soll: mit dem (stark verkürzten) Auftritt bei Live Aid '85. Der sieht in seinen besten Momenten aus wie eine Kopie des Originals, zwischendurch auch mal wie Kölner Karneval – das Spektakuläre überwiegt. Vom bloßen Aussehen her ist das royale Quartett gut getroffen, große Charaktere muss man abseits Mercurys aber nicht erwarten: Gwilym Lee als May könnte der Gitarrist selbst sein, per Zeitmaschine importiert, manches Mal nur eine Idee zu erhaben; dagegen Ben Hardys Taylor, durchweg der halbstarke, nicht ganz intelligente Haudrauf, der nonstop auf den „Auto-Song“ (I'm in Love With My Car) reduziert wird, dafür aber immerhin in jeder zweiten Szene mit neuer Freundin auftauchen darf („Das ist Püppi.“). Derweil wird Bassist Deacon von Joseph Mazello mit seltsam lustloser Arroganz dargestellt. Im Speckgürtel fallen Lucy Boynton als Marie und Aaron McCuskers Jim Hutton (Freddies letzter Partner) positiv auf. Ein nettes Gegengewicht zu Paul Preters erzwungenen Welteroberungsplänen.
Was Rami Malek anbelangt, ist sicherlich ein Glücksgriff gelungen: in den Performance-Szenen vielleicht eine Nuance zu schmächtig, um Mercurys überlebensgroße Aura zu verkörpern, sind es die leisen Szenen, die Malek (und den Film im Ganzen) auszeichnen. Da sind die Emotionen, die gezeigte Einsamkeit, das Hadern um die sexuelle Orientierung: großartig und ergreifend fast jede Szene mit Mary Austin, von den Heiratsplänen über die Trennung (Love Of My Life) bis zur verzweifelten Freundschaft, die beide aufrechterhalten wollen. Malek macht zweifelsohne das Beste aus dem, was man ihm gegeben hat.
Auch die sonstigen Rekonstruktionen, ob Bühne oder Musikvideo, können sich sehen lassen. Zweckmäßig vielleicht, in ihrer Schlichtheit aber einprägsam: Freddies Besuch der Schwulenszene (im Rotfilter) und der spätere, einsame Krankenhaustermin. Ein symbolischer Austausch zwischen einem einzelnen AIDS-Patienten und Mercury, kurz nach der eigenen Diagnose, hebt den Film über seinen Schatten – auch über den der Band. Anderswo dann wieder Fragwürdiges: Zu einer endlos langen Live-Sequenz zählen unsere Freunde amerikanische Städte während dortiger Konzerte auf („Danke, Chicago!“ - and so on and on and on...); was man ausgelassen hat, fliegt später via Windows-Movie-Maker-Schriftzügen in, über und durch das Bild. Mit jedem emotionalen Tiefschlag, so scheint es, setzt sich der Film doch wieder das Pappkrönchen von Burger King auf.
Hassliebe also. Da sind die starken Momente, die leisen Zwischentöne, wenn es um die Menschen geht, nicht um Intrigen oder das Musikbusiness an sich. Die Songs, über jeden Zweifel erhaben, kongenial eingesetzt, dargeboten, unterschwellig genutzt. Überhaupt: wann vergingen zwei Stunden schon einmal so schnell? Hier wurde auf den Punkt gestutzt, zurechtgemacht und präsentiert, was sonst eine langwierige Dokumentation bräuchte, mindestens eine Mini-Serie. Klar wird da mit der Diskografie jongliert, man kann es verschmerzen (und nur hoffen, dass Hinz und Kunz nicht mit ihrem gefährlichen Halbwissen Partys crashen: „Im Film war das aber so!“)
Nein, was mir ganz und gar nicht schmeckt, ist die Eselsmütze, die der Hauptfigur hier aufgesetzt wird; dagegen die restliche Band, deren größtes Laster es ist, ab und zu mit einer neuen (und textlosen) Frau aufzukreuzen, nur um ihrem vermeintlich schwächsten Mitglied moralinsaure Sprüche in den Bart zu schmieren. Hinzu kommen der konstruierte Konflikt um Freddies Solo-Album, Evil Mastermind Paul Preter, Unterstellungen, arg vereinfachte (und verdrehte) Konflikte, nicht zuletzt eine latente Homophobie, die dann und wann anklingt.
Pompös und maßgebend für den Musikfilm an sich, was das Herunterbrechen einer Karriere anbelangt, moralisch dennoch (oder gerade deshalb) fragwürdig.
Der Gewinner aber schreibt die Geschichte - egal ob Albumverkäufe oder Kinotickets.