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Glaube zerfetzt Berge

Wenn der Macher von "The Raid" zu einem okkulten Thriller ansetzt, zudem noch mit Dan Stevens exzellent besetzt, dann ist man einfach dabei. Punkt. Netflix muss da nicht viel abwarten oder auswerten, die Genrefans drücken Play. Und das meist am ersten Abend oder zumindest in der ersten Woche. Must-See und Streaming-Highlight nennt man das wohl, ähnlich wie der in ein paar Tagen ebenfalls unter dem großen N erscheinende "The Night Comes For Us" von Edwards Freund und Wegbegleiter Timo Tjahjanto. In "Apostle" versucht ein vom Glauben und Leben gezeichneter Mann seine Schwester aus den Fängen eines mysteriösen Inselkultes zu befreien... und schnell ist die Kacke richtig am dampfen!

"Apostle" ist ein Prestigeprojekt, für alle Beteiligten. Man merkt ihm die Leidenschaft und Grandeur in jeder Einstellung an. Stevens hängt sich voll rein, schrammt manchmal sogar am Overacting. Die Kulissen und die Ausstattung des am Anfang des 20. Jahrhunderts spielenden Genremix sehen aus wie zehn Sack Gold - vom Allerfeinsten wäre noch untertrieben. Das unterstreicht die unheimliche Atmosphäre genauso wie ein eindringlicher, fast etwas experimenteller Score. Verstörend und fesselnd. Als ob "The Wicker Man" mit "Silent Hill" eine bizarre Kreuzung gezeugt hätte, mit knallharten "The Raid"-Ausschlägen. Der Mann weiß wie man Action und Gewalt inszeniert. Vielleicht wie kein anderer Filmemacher momentan. Die Gewalt- und Spannungsspitzen sind furchterregend und unbarmherzig. Absolut hardcore. Eine unterirdische Gülleverfolgung oder eine barbarische Folterung mit Todesfolge sind Punkte, an denen selbst abgehärteten Genrefans das Herz gerne mal in die Hose rutscht.

Das waren die Vorzüge dieser folkloristischen, völlig humorlosen Schlachtplatte. Doch es gibt auch genug zu meckern, genug was ihm von einem ganz großen Wurf fernhält. Edwards füllt seine saftige Laufzeit mit zu wenig Gehaltvollem. Oder zu viel. Wie man es sehen will. Es werden Themen angeschnitten und angedeutet, Sidestorys aufgemacht und banal auslaufen gelassen. Eine Straffung hätte dem ambitionierten, phasenweise auch etwas lovecraftischen Werk gut getan. Dass es viele offene Fragen gibt und eine kaum erklärte Mythologie, damit kann ich leben, das mag ich sogar recht gerne. Die Geschichte wird ziemlich geradlinig erzählt, doch irgendwie wirkt das Konstrukt oft dennoch zu weit gefasst bzw. hoch gebaut. Wie schon oft erwähnt habe ich Überambition auf jeden Fall lieber als Unkreativität, doch Edwards übernimmt sich hier recht eindeutig. Interesse, Grusel und Figurenbindung verlieren zu oft an Spannung und werden kurzweiligen Adrenalinstössen für Gorebauern geopfert. Understatement hätte vielleicht hier und da gut zu Gesicht gestanden. Oder man sollte wieder pures, alles zerstörendes Actionkino machen - denn dem Sinn der Sache, lohnt es hier nicht wirklich nachzujagen.

Fazit: The Ass Kicker Man - ein intensiver Okkult-Schocker, der seine unvergesslichen Momente und starken Darsteller hat, doch für das letzte Quäntchen Qualität fehlt es an Konzentration, Klarheit, Kompaktheit. Gareth Edwards beißt hier mehr ab, als er schlucken kann, doch er zeigt verheißungsvoll großen Hunger!

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