Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der ehemalige Priester Thomas Richardson (Dan Stevens) zu seinem dementen Vater zurückgekehrt - Anlass ist ein Brief seiner totgeglaubten Schwester Elaine, die in Wahrheit von einer Sekte zwecks Lösegeld entführt wurde und die flehentlich um ihre Befreiung bittet. Thomas, ein ebenso desillusionierter wie entschlossener Mann, macht sich auf den ebenso gefährlichen wie beschwerlichen Weg, seine Schwester zu retten. Die Sekte haust auf einer einsamen kleinen Insel und ist nur mit dem Boot zu erreichen. Ihr Anführer und selbsternannter Prophet Malcolm (Michael Sheen) hat dort ca. 50 Mitglieder angesiedelt, die in selbstgebauten Holzhäusern leben und Ackerbau und Viehzucht betreiben. Aus begründeter Furcht vor Attentaten der herrschenden Kirche sichert sich die Glaubensgemeinschaft mit bewaffneten Soldaten - auch Neuankömmlinge bei der stets missionierenden Sekte werden genau unter die Lupe genommen: Thomas´ Ticket für die Überfahrt wurde speziell gekennzeichnet, doch mit einem Taschenspielertrick gelingt es ihm, dieses mit einem anderen Fährgast zu vertauschen - und dieser überlebt die Ankunft auf der Insel keine 24 Stunden, wird er doch fälschlicherweise für den Überbringer des Lösegeldes gehalten und ermordet: Thomas ist somit gewarnt. Auf der heimlichen Suche nach seiner Schwester erkundet er nachts - trotz strengstem Ausgehverbot - das kleine Dorf und entdeckt im nahen Wald eine große Hütte, die durch einen unterirdischen Geheimgang aus Malcolms Haus erreichbar ist: Hier werden offenbar heimlich rituelle Handlungen vollzogen...
Die Netflix-Produktion Apostle steigt ohne große Einführung mit einem anfangs nicht sonderlich sympathischen Hauptdarsteller in die Geschichte um die geheimnisvolle Insel ein, baut - einmal dort angekommen - jedoch eine sich kontinuierlich steigernde Spannung auf, die einen bis zum Schluß nicht mehr losläßt. Nicht nur, daß der Plot einige überraschende Wendungen enthält, sondern auch der Umstand, daß einige Erwartungen scheinbar ganz bewußt enttäuscht werden (Stichwort: Liebespärchen) tragen zum Sehvergnügen bei, dazu kommen einige abrupte Szenenwechsel in entscheidenden Momenten, sodaß nicht immer (sofort) klar wird, wie das Schicksal der/des Betreffenden nun weitergeht. Trotzdem wird die Geschichte der Insel bzw. der Sekte ohne größere Zeit- oder Logiksprünge konsequent zu Ende erzählt, wenngleich ein paar kleinere Fragen unbeantwortet bleiben.
Hervorzuheben ist besonders das absolut stimmige Setting: Die dunklen Holzhäuser, die Kirche auf einem Hügel oberhalb, die gleichzeitig frömmelnden wie auch leidenden Sektenmitglieder in ihren dunklen Gewändern und das mit schnellsprießenden Blättern effektvoll dargestellte Unbehagen über eine übernatürliche hexenartige Kreatur, die die Flora und Fauna der Insel auf wundersame Weise zu beherrschen scheint. Dazu kommt ein Sammelsurium mittelalterlicher Folterwerkzeuge, die im Stile der Inquisition (im Film euphemisierend "Läuterung" genannt) von den Dorfgründern auch gnadenlos eingesetzt wird. Ein dezenter, aber stets wirkungsvoll eingesetzter Score sowie einige feine Kameraperspektiven (z.B. im 90- und 180-Grad-Winkel , wenn ein Opfer durchs Dorf geschleift oder der Hauptdarsteller gerade niedergeschlagen wurde) runden einen in sich absolut stimmigen Horror-Film ab, bei dessen bis in die Nebenrollen tadellosen darstellerischen Leistungen man jedoch trotz dezidierter Hauptdarsteller niemanden besonders hervorheben könnte.
Die Grundthematik zwischen den Zeilen freilich dreht sich um Glaubenskriege, um falsche Propheten und um die Autorität der Kirche, auch wenn letztere hier stellvertretend durch eine Sekte dargestellt wird - der unbedingte Führungsanspruch, manifestiert durch brutalstes Vorgehen gegen Abweichler, ist unverkennbar, auch wenn Apostle seinem Propheten Malcolm eine letztendlich durchaus ambivalente Persönlichkeit zugesteht. Manch einer mag hier Parallelen zu The Village - Das Dorf (2004) feststellen (besonders in Hinblick auf des Propheten erfreulich menschlich agierende Tochter Andrea, die unbeeinflußt von jeglichem Dogma das Richtige tut), aber natürlich drängen sich hinsichtlich des Kults auch Vergleiche mit The Wicker Man auf.
Erwähnt seien ferner die im letzten Filmdrittel zunehmenden und auch graphisch ausführlich dargestellten Splatter-Szenen, die - weitgehendst handgemacht - äußerst realistisch wirken und dem Film eine zusätzlich bösartige Note verleihen. Wenn dann das (keineswegs happy-) Ende erreicht ist, hat man einen intensiven Film gesehen, dessen leichte Überlänge von 2 Stunden 10 Minuten einem zu keiner Zeit negativ aufgefallen ist - ich persönlich hätte im Gegenteil gerne noch etwas länger in der beklemmenden Atmosphäre der düsteren Insel verweilen wollen. Aufgrund der toll eingefangenen Optik ist Apostle auch für eine erneute Sichtung geeignet - von mir eine klare Empfehlung, nicht nur für Genre-Freunde: 8,6 Punkte.