Review
von Leimbacher-Mario
Finderhohn
Neil Jordan ist ein Genreschwergewicht und hat mit Filmen wie „The Crying Game“ oder „Company of Wolves“ Filmfieberträume geschaffen, die durchaus das Prädikat „(moderner) Klassiker“ tragen dürfen. Nun widmet er sich einem Thema, das auch glatt aus den 90ern stammen könnte, irgendwo zwischen DTV und Hochglanz, Hitchcock und DePalma, „Psycho“ und „Cape Fear“. Nur mit klaren, kritischen Tendenzen zu modernen, uns alle gehörig versklavende Technologien wie das Handy. Es geht um eine junge Frau, die eine teure Luxushandtasche in der U-Bahn findet. Als ehrliche (und grossstadtunerfahrene) Haut bringt sie diese ihrer eleganten, auf den ersten Blick freundlichen Besitzerin zurück, trotzt (ziemlich naiv) allen Warnzeichen und freundet sich mit dieser wesentlich älteren Frau an. Doch als sie erkennt, mit wem sie sich da eingelassen hat, ist es vielleicht schon zu spät und sie hat eine waschechte Psychopathin am Hals...
Fast alles, was man im Trailer sieht, passiert schon in den ersten zehn Minuten. „Greta“ vergeudet keine Zeit und ist sehr flott geschnitten, geschrieben, inszeniert. Fast aus der Hüfte geschossen. Neil Jordan weiß was er tut, selbst mit einer Vorlage, die keinen von seinem Kaliber gebraucht hätte und der es an Durchschlagskraft und seiner sonstigen, oft traumgleichen Aura fehlt. Seine zwei Leading Ladies stacheln sich zu Topleistungen an, vor allem die Huppert ist mal wieder bockstark, irgendwo zwischen einfühlsamer Mutterfigur und herrischer Stalkerin. Audiovisuell gibt’s ebenfalls nichts zu meckern und man ist die ganze Zeit über stark involviert. Zu Maika Monroe in einer bitchig-feinen Nebenrolle sage ich als „It Follows“-Fan natürlich auch nicht nein. Leider kann sich der Film (vor allem im letzten Drittel) weder steigern noch entscheiden, was er sein will, driftet in etwas billigere, dümmere Gefilde ab. Obwohl die Figuren, vor allem unser verfolgter Hauptcharakter, schon den ganzen Film über wenig logisch, clever, nachvollziehbar handeln. Da hat schon manches Final Girl in einem x-beliebigen Slasher weniger dumm agiert. Andererseits würde es bei schlaueren Figuren wohl gar keinen Film oder nur einen sehr kurzen geben. Doch anstatt dann gegen Ende komplett bonkers am Rad zu drehen, geht Jordans Stalkerthriller dann leider auch nie komplett den Weg in krasse, kranke, kuriose B-Movie-Regionen. Entweder du bleibst edel oder du wirst billig. Aber ein Zwischending macht wenig Sinn und frustriert etwas, wirkt halbgar und verschenkt Potenzial. Spaß und Spannung hatte ich mit „Greta“ dennoch. Den Kinogang hätte ich mir allerdings sparen können und ihn locker auch später daheim nachholen können.
Fazit: „Greta“ ist chic, stark gespielt und geht gut nach vorne. Moretz und vor allem Huppert heben das eigentlich doch recht beliebige B-Movie-Material über eine hartnäckige, creepy Stalkerin mindestens eine Stufe höher als es sonst spielen würde. Ein leichtes, fesselndes Psychoduell, das erst hintenraus etwas zerfällt, ohne jedoch komplett von der Bremse zu gehen. Weder Fisch noch Fleisch. Etwas zahm. Nett. Aber das ist ja bekanntlich nicht immer ein Kompliment...