Ihre gute Erziehung prägt den Charakter der aus Boston stammenden New Yorker Studentin Frances McCullen (Chloë Grace Moretz), und so ist es für sie eine Selbstverständlichkeit, eine in der U-Bahn gefundene, stehengelassene Damenhandtasche der Besitzerin persönlich zurückzubringen. Mittels eines darin gefundenen Ausweises ist die Adresse schnell ausfindig gemacht, und so läutet die kreuzbrave Frances schon am nächsten Tag bei einer alten Dame (Isabelle Huppert) in einem Hinterhofgebäude, die sich herzlichst bedankt und die Studentin auf eine Tasse Tee hereinbittet. Die verwitwete Klavierlehrerin Greta Hideg und die junge Studentin, die vor einem Jahr ihre Mutter verlor, finden über das Thema menschlicher Verluste schnell zueinander und tauschen auch ihre Telefonnummern aus - kurze Zeit später begleitet Frances Greta sogar beim Aussuchen eines Hundes ins Tierheim. Alles scheint in bester Ordnung, nur Frances Mitbewohnerin Erica (Maika Monroe), eine lebenslustige, vive Studentin (und damit charakterlich das genaue Gegenteil des zurückgezogen lebenden Partymuffels) sieht die neue Verbindung kritisch. Da entdeckt Frances eines Tages bei einem Besuch in Gretas Wohnung in einem Schrank zufällig eine ganze Reihe gleichartiger Damenhandtaschen gleichen Inhalts, auf denen fein säuberlich Datum, Namen und Telefonnummer der Zurückbringenden auf Zetteln notiert sind. Trotzdem sie wie vom Donner gerührt sofort deren Wohnung verläßt, wird sie die vermeintlich nette Zufallsbekanntschaft nun nicht mehr los - denn Greta, eine Soziopathin reinsten Wassers, terrorisiert ab jetzt die junge Frau Tag und Nacht...
Neil Jordans Stalker-Drama Greta überzeugt vor allem durch eine furios aufspielende Isabelle Huppert, die alle Register einer durchgeknallten Wahnsinnigen zieht, sich darin mit fortlaufender Dauer des Films zu steigern weiß und mit einer Mischung aus Charme und Beharrlichkeit praktisch den ganzen Film trägt, während ihr Opfer Moretz in ihrer grenzenlosen Naivität stets zwischen den Attributen süß und so dämlich daß es wehtut changiert. Zwar bietet der Film, der in seiner Intensität an Die Hand an der Wiege (1992) erinnert, keinen wirklich innovativen Plot (zumal der Schwindel filmdramaturgisch schon recht früh auffliegt), dennoch faszinieren die sich ständig steigernden Eskalationsstufen, die die zum Drehzeitpunkt 65jährige Französin ohne weitere Hilfsmittel nur kraft ihres Auftretens und ihrer Worte scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelt.
Leider wird das Sehvergnügen durch einige Logiklöcher getrübt, die den Film zwar nicht ungenießbar machen, ihn streckenweise jedoch ausbremsen: So scheint es Frances (und noch verwunderlicher ihrer hellwachen Freundin Erica) nicht einzufallen, daß man unerwünschte Anrufer per Tastendruck am Handy einfach blockieren kann; auch scheint ihre Herzensgüte die Neu-New Yorkerin daran zu hindern, sich selbst bei massiver Bedrohung endlich einmal körperlich zur Wehr zu setzen, zumal die ungarnstämmige Stalkerin kein unüberwindliches Hindernis zu sein scheint. Vollkommen unverständlich ist auch jene Wendung mit einer misslungenen Flucht aus einem versperrten Erdgeschoß, die statt nach oben ausgerechnet ins Kellergeschoß führt, wie überhaupt der Umstand, eine gefährliche Person ein ums andere Mal allein(!) aufzusuchen (zuletzt wegen der Sorge um einen fremden Hund - wtf?) den Zuseher manchmal verzweifeln läßt... auch daß sich ein erfolgreicher Geschäftsmann statt an die Polizei an einen Privatdetektiv mit dem Temperament einer Tranfunzel wendet, und dieser auf verdächtige Spuren viel zu lahmarschig reagiert, gehört neben einigen anderen Logikfehlern zu den Schwächen des Drehbuchs.
Mit der immer besitzergreifender werdenden Stalkerin, die selbst vor Frances Mitbewohnerin nicht Halt macht, steuert der Film, dessen wohldosierte (schwarz-)humorige Einlagen dem sich immer mehr offenbarenden Wahnsinn Gretas ein wenig die Spitzen nehmen, auf ein - allerdings erwartbares - Ende zu, dessen Aussage man mit "freundlich sein bringt wenig, Freunde zu haben dagegen sehr viel" deuten könnte. Durchaus reizvoll wäre es allerdings gewesen, den Film schon 9 Minuten früher enden zu lassen, etwa ab Filmminute 84...
So schwankt das Drama Greta ständig zwischen Psycho-Thriller und Popcorn-Kino hin- und her, hinterläßt dadurch einen etwas zwiespältigen Eindruck, ist aber trotz der erwähnten Drehbuchschwächen allein dank Hupperts herausragender Darstellung durchaus sehenswert: 6 Punkte.