Manchmal kommen die richtigen Filme zur richtigen Zeit, wie Kevin Costners "Der mit dem Wolf tanzt". Das Thema war kontrovers, die Kritiker liebten den Film, die Zuschauer auch und dieselben kamen sogar in Scharen und ließen ihr Geld an der Kasse.
Manchmal kommen aber auch die falschen Filme zur falschen Zeit, wie Kevin Costners "Postman". Sie klingen kontrovers, sind aber platt, die Kritiker können wenig damit anfangen und das Publikum flieht in Scharen. Der Film macht mörderischen Verlust und verwandelt sich kreativ gesehen in ein schwarzes Loch!
Sprechen wir über die zweite Variante - die macht auch mehr Spaß.
Es sollte der Befreiungsschlag werden, denn Costner hatte eine Menge Kredit verspielt mit dem Produzieren so obsoleter Flops wie "Rapa Nui" und dem Millionengrab "Waterworld", der sich wenigstens noch als passable Action erwies und sein vieles Geld halbwegs wieder einstellte. Einen Beweis seiner Regie-Klasse wollte Costner und da griff er zum Besten, was die USA in solchen Situationen hergeben: dem Patriotenepos.
Nur klicken diese immer nur, wenn die politischen Zeiten es erlauben, doch unter der Clinton-Regierung, demokratisch und nach innen ausgeglichen, brauchte Amerika keinen großen Aufbruch.
Ergo kommt das zerbröselte "Land of Free" nach einem Krieg oder einer Seuche nicht sonderlich prickelnd rüber.
Wobei wir gleich bei der Frage wären, wo eigentlich das dicke Geld in diesem Film geblieben ist, denn gerade mit den nötigen Schauwerten geizt gerade dieser Streifen. Costner kurvt zwar durch Iowas Wilderness, durch Wüste, Steinbruch, Wald und Flur, aber was die Katastrophe aus den großen Städten gemacht hat, erspart er uns und seinem Film gleichzeitig und nimmt ihm auch gleich einen Großteil seiner Wirkung durch die Bilder.
Bleibt uns also wieder nur der ideologische Unterbau und der kommt dürftig daher, ein simples Konglomerat aus den vielen Versatzstücken der Filmgeschichte. Der mürrische Einzelgänger, der aus dem Nichts kommt und mehr für sich als für andere kämpft, bis er von der guten Sache überzeugt wird, ist in allen Genres bekannt, aber die Wurzeln im Western sind ungebrochen. Und so ist der Film auch größtenteils ein Western, mit leichten Anleihen bei Milius "Red Dawn", jedem beliebigen Nazi-Kriegsfilm aus den USA und selbstverfreilich auch "Waterworld", der hier nur das Element gewechselt hat. Aber letzterer hatte immerhin ein Monster, versunkene Städte und dolle Action.
Hier konzentriert sich alles auf...die Post! Lange Gesichter? Irgendwie banal?
Richtig - und so gestaltet sich der ganze Film. Die bösen haben sich als Militärmacht etabliert, wirken aber nur wie eine sadistischere Variante der Banditen aus "Die glorreichen Sieben", mit Manieren aus dem Spaghettiwestern sozusagen. Dagegen darf man natürlich keine Armee aufstellen, also als beliebt-sichere Institution die Post - die aber auch organisiert sind, Uniformen tragen und seeeelbstverständlich gut und rein sind, weil sie die verbliebende Jugend Amerikas sind. Das geht neben dem zentralen Machtkonflikt auch ziemlich unkompliziert, weil die Seuchen wohl gerade auf Urlaub sind und die ausbleibenden Babys dank Costners Sperma auch wieder in Gang kommen. Hätte man den Film nach 1865 versetzt, wäre er als marodierendes Post-Bürgerkriegsdrama ein passabler Western geworden. Nun ist er aber sowas wie Science-Fiction und das macht ihn nicht besser.
Halb amüsant liest sich wenigstens, wie Costner als fahrender Schauspieler die staatsaufbauende Lawine praktisch versehentlich in Gang setzt, indem er sich Essen und Unterkunft in der Maske eines Postbeamten erlügt. Eigentlich will er nur seine Ruhe haben, wird aber mehr und mehr in die Lawine hineingezogen, bzw. immer wieder zurückgeholt. Dabei sehen wir gar nicht, wie die Postman-Welle durchs Land läuft, vielmehr bleiben wir auf Costner und seinem Frauchen und plötzlich ist man wieder organisiert und es wird geschrieben, was die Tinte hält. Wieder einen Aussetzer später, sind schon andere Bundesstaaten erfaßt und das Lügengebilde von den Postmen und der neuen Regierung nimmt immer gigantischere Ausmaße an.
Leider nervt dieser Kunstgriff am meisten, denn gerade weil Costner eigentlich antipatriotisch arbeiten will, legt er seinen Helden opportunistisch und widerborstig an, eher auf den lauen Lenz ausgerichtet und unwillig, wenn er denn mal was für sein Land tun soll. Doch gerade das wollen wir an einem Helden sehen, gerade wenn der Gegner nicht feinsinnig angelegt ist, sondern Will Patton ihn mal als gebildeten Militärtreiber und mal als wahnsinnigen (und anscheinend impotenten) Meuchelmörder spielen muß, den wir eh nur von der Bildfläche gefegt sehen wollen.
Natürlich schwenkt Costner später wieder auf die gute Linie ein, natürlich gibt es viele Tote und Leid und Rückschläge, doch immerhin bleibt er seinem Kurs treu und beendet den drohenden Krieg per Zweikampf Mann gegen Mann. Daß aber eine komplett ideologisch verblendete Armee hinterher auf ein Friedensangebot lammfromm eingeht und alle sofort die Waffen niederlegen, als wäre auch Hitler für die NS-Zeit allein verantwortlich gewesen, kann wohl nur mit der längst überschrittenen Lauflänge zu tun. Oder Costner ist einfach naiv.
Für Patriotenfans bleibt trotz der bemühten Ansätze ein wahres Fest übrig. Die US-Flagge flattert im Wind, die Jungen sind Feuer und Flamme, für die gute Sache zu kämpfen; kommt die Post, kommen den Leuten die Tränen und ein Mäderl darf schon mal wimmernd "America, the Beautiful" anstimmen. Von der Schlüsselszene mit dem Jungen, der einen Brief hochhält, in Extremzeitlupe, ganz zu schweigen.
Auf der ganzen Welt, und seltsamerweise auch in den USA, fragten sich die Leute alsbald, was Costner denn nun eigentlich wolle, denn Diktatoren zu bekämpfen gab es damals gar nicht und eine simple Stellungnahme zu seiner Sicht von Amerika kann es wohl nicht sein, denn das Ergebnis ist recht platt, als würde man versuchen, die besten und edelsten Elemente aus "Dances with Wolves" und "Waterworld" zusammenzuführen. Dabei gingen jedoch nur die öden und peinlichen Teile ins Netz.
Straight, actionreich und unprätentiös hätte es werden sollen, das Gegenteil ist es geworden.
Vielleicht sollte man mal Clint Eastwood fragen, der kennt sich mit sowas aus. (2/10)