Review
von Leimbacher-Mario
Das himmlische Kind
Der Wind der Prärie. Religion. Eifersucht. Dämonen. Wahnsinn. Einsamkeit. Aberglauben. Wut. Weiblichkeit. Geburt. Tod. All diese Dinge spielen in Emma Tammis unheimlich hübschem Westerngrusler „The Wind“ entscheidende Rollen. Denn wir folgen (in einer interessanten, aber doch irgendwie fragwürdig verschachtelten Erzählweise) einem Pärchen, das sich im seelenleeren Niemandsland von New Mexiko irgendwann im 19. Jahrhundert niedergelassen hat. Dort erleiden sie eine Totgeburt und als dann noch ein jüngeres Ehepaar in die „Nachbarschaft“ zieht, steigern sich die unheimlichen Ereignisse und Erscheinungen bei der langsam durchdrehenden (?) Frau im Haus...
„The Wind“ ist ungefähr „Babadook“ meets „The VVitch“ im Westernmodus - sehr langsam, audiovisuell massiv ansprechend, immer mit Zupack, sehr intensiv und fordernd gespielt, gestaltet, geplant. Und rundherum sehr weiblich aufgeladen. Emma Tammi empfiehlt sich hiermit definitiv für Größeres! Selbst wenn das staubig-schaurige Drama sicher nicht jedermanns Tee sein wird. Dafür kann die Erzählweise zu sehr übel aufstoßen und verwirren, dafür könnte es für manche Geschmäcker zu wenig Highlights geben, dafür könnten sich manche Dreibeiner auf den Schlips getreten fühlen. Aber ich habe diese konzentrierte und attraktive Geschichte durchaus gefühlt und leicht verinnerlicht. Mir hat das klasse gefallen. Vielleicht sogar noch mehr. Denn Szenen wie der Wolfangriff zu Beginn oder allgemein der Schmerz und die Vernachlässigung im Niemandsland, was top transportiert wird, haben es in sich. Und den Rest macht die wahnsinnig Atmosphäre, die Schwere, das schleichende Unbehagen, die brutale Gewissheit. Und für uns Deutsche hat das Ganze sogar noch ein weiteres Level bzw. vielleicht ein paar Überraschungen.
Fazit: bis an die Couchkante intensiver und schmerzhafter Arthouse-Frontier-Horror mit Klasse, Spannung und Stil. Zwischen Handfestigkeit und Übernatürlichkeit schwankend - aber immer verdammt beunruhigend! Selbst wenn Tempo und Story und Erzählweise doch arg auf der Stelle treten und dennoch zu stolpern scheinen... mich hat er nie ganz verloren!