kurz angerissen*
Es wäre ein Trugschluss zu glauben, ein Film über die Skater-Subkultur der 90er Jahre stehe und falle ausschließlich mit der Auswahl der T-Shirt-Motive und der Musikstücke für den Soundtrack. Jede hoch budgetierte Hollywood-Produktion ist dazu in der Lage, derartige Recherche zu betreiben, Experten zu Rate zu ziehen und die perfekte Illusion eines Orts in einer Zeit zu erzeugen, die bereits ein Vierteljahrhundert in der Vergangenheit liegt. Die Kunst liegt darin, die Notwendigkeit einer Illusion zu durchbrechen. Jonah Hill gelingt das in seinem Regiedebüt wenigstens über weite Strecken überragend.
Denn "Mid90s" ist gewissermaßen selbst ein Kind der 90er. Mit seinem tatsächlichen Entstehungsjahr hat er keinen Wissensvorsprung gemein, er reflektiert nicht aus gereifter Perspektive, sondern erinnert sich nur. Und das tut er dermaßen bildhaft, dass gerade die Gesten, der Slang und gewisse Einzelmomente wie heftiger Déjà-Vu-Regen auf das Erinnerungszentrum des 80er-Jahrgangs niederprasselt. Es ist eben nicht die Panorama-Einstellung einer bis auf den letzten Bordstein nachgebildeten Vergangenheit, mit der man die Authentizität einfängt; es ist die völlig aus dem Kontext gerissene Momentaufnahme in 16mm, die ein möglicherweise völlig banales Ereignis beinhaltet; aber ein solches, das es eben nur einmal im Leben gab.
Hills Skript tut demnach gut daran, nicht zu viel Story zu kanalisieren. Sein Film atmet nicht in den dramatischen Wendepunkten, sondern zwischen den Kontexten, wenn die Figuren getrieben von ihrer inneren Motivation miteinander agieren und soziale Regeln zu greifen beginnen, ohne dass sie sich dessen bewusst wären. Vielleicht lässt Hill seinen jungen Hauptdarsteller Sunny Suljic eine Spur zu oft grinsen, wenn er innerhalb seines Freundeskreises Fortschritte verzeichnet; davon abgesehen ist aber auch die Schauspielführung derart authentisch, dass man kaum Schauspieler vor sich zu sehen glaubt, sondern vielmehr echte Jugendliche. Das gilt für Suljic ebenso wie sämtliche Darsteller aus der Skater-Gruppe, aber auch für Lucas Hedges, der unheimlich viele Facetten in eine Figur bringt, die unter falschen Voraussetzungen zum klischeehaften Bully geraten wäre.
Seinen Höhepunkt verzeichnet "Mid90s" kurz vor dem Klimax, der seinerseits ein eher unnötiges Zugeständnis an klassische Filmdramaturgie darstellt. Bis zu jenem Zeitpunkt driftet die Handlung einfach von Tag zu Tag, als sich langsam andeutet, dass der geschlossene Kreis mit der Sorglosigkeit der Jugendjahre zerbrechen wird. In dieser Phase erreicht Hill die Intensität von "Kids", wenn er die dämmernde Erkenntnis in den Gesichtern der Darsteller einfängt, ohne groß Aufhebens darum zu machen. Das Schicksal greift schließlich als harter Einschnitt in den natürlichen Verlauf der Entwicklung ein und wird zum Meta-Kommentar, für den kein Anlass bestand. Bis dahin allerdings hat es kaum jemals so eine realistische Zeitreise in die 90er gegeben.