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Komplette TV-Formate widmen sich mittlerweile dem Thema, misslungene, peinliche oder überholte Tätowierungen von Profis verändern zu lassen. Auch der Protagonist in „Skin“ steht vor diesem Problem: Sein Kopf ist übersät von zweifelhaften „Abzeichen“ rechtsextremer Gesinnung, die nicht so einfach zu kaschieren sind.

Ohio 2009: Bryon (Jamie Bell) gehört der rassistischen White-Power-Bewegung an, doch seitdem er Julie (Danielle Macdonald), allein erziehende Mutter dreier Töchter kennen lernte, will er aussteigen. Ausgerechnet der afroamerikanische Menschenrechtler Daryle (Mike Colter) bietet ihm diesbezüglich seine Hilfe an, denn mit der Sippe um Dad (Bill Camp) und Ma (Vera Farmiga) ist nicht zu spaßen…

Der israelische Autor und Regisseur Guy Nattiv gewann einen Oscar für den gleichnamigen Kurzfilm, dessen lange Version, basierend auf wahren Personen und Ereignissen, seinen ersten englischsprachigen Spielfilm markiert.
Die erste Stunde des Aussteiger-Dramas widmet sich vorrangig dem Milieu, in dem Bryon verkehrt und schildert die ersten Treffen mit Julie, die einst ebenfalls mit Rechten zu tun hatte.
Allein äußerlich bilden die beiden alles andere als ein Vorzeigepaar: Bryon, dessen kahl geschorener Kopf mit grobschlächtigen Tattoos bedeckt ist, weckt beim bloßen Anblick ein ungutes Gefühl in der Magengegend und Julie erscheint mit einigen Pfunden zuviel und den nicht immer vorbildlichen Verhaltensweisen gegenüber ihren Kindern auch keine Idealpartnerin zu sein.

Umso erfrischender kommt vor allem die Annäherungsphase der beiden rüber. Nachdem Bryon mit einer Gewalttat gegenüber einen schwarzen Jugendlichen eingeführt wird, erlebt man im Zusammenspiel mit Julies Töchtern die andere Seite des Neonazis, der durchaus einfühlsam sein kann. Zwar ist sein innerer Wandel an keinem direkten Auslöser festzumachen, doch die Abkehr zur Gewaltbereitschaft einerseits und die Loyalität zur Sippe andererseits werden im Verlauf recht gekonnt herausgearbeitet. Etwas zu kurz kommt der Menschenrechtler Daryl, der dem Prinzip folgt „aus menschlichem Abfall ein menschliches Wesen zu schaffen“. Eine bewundernswerte Vorgehensweise, welche ein wenig mehr Background verdient gehabt hätte.

Demgegenüber wird die Nazi-Sippe etwas oberflächlich und stereotyp dargestellt: Alle unterliegen dem letzten Wort von Dad, es gibt einen kleinen Aufrührer, einen frisch rekrutierten und mit Ma eine Person, die sich die Schwächen oder auch Vorlieben der Mitglieder zunutze macht. Da kommen letztlich ein paar Klischees zusammen, wobei sich im letzten Drittel einige Begebenheiten zuspitzen und nach einem zuweilen etwas behäbigen Mittelteil Anteile eines Thrillers beimengen.

Regisseur Nattiv kann sich auf seine ausgezeichneten Darsteller vollends verlassen, speziell Jamie Bell verkörpert den von Zweifeln zerfressenen Charakter sehr intensiv und bleibt dabei dennoch bodenständig. Aber auch viele andere überzeugen mit einiger Präsenz und zumeist nuanciertem Spiel. Jenes gilt auch für den ruhigen Score, hauptsächlich bestehend aus Piano und Cello.

Die überwiegend in kontrastarme, oftmals gräuliche Bilder getauchte Geschichte kämpft zuweilen mit kleinen Durchhängern, sie weiß allerdings zur richtigen Zeit ein paar spannende Akzente zu setzen, wodurch die 120 Minuten zwar nur selten emotional durchrütteln, jedoch zumindest nachdenklich zu stimmen vermögen.
7 von 10

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