Woody Allen in 08/15
Der orthodoxe Jude Mordechai »Motti« Wolkenbruch (Joel Basman) hat’s schwer. Immer und immer wieder versucht seine Mutter ihn zu verkuppeln. Sie will ihn unbedingt verheiratet sehen, deshalb organisiert sie arrangierte Hochzeiten – »Schidduchs« – am Laufmeter. Was die beflissene Mutter nicht weiss: Motti flirtet fleissig mit seiner Kommilitonin Laura (Noémie Schmidt), einer Nichtjüdin a. k. a. »Schickse«. Als sich Motti partout weigert sich zu binden, greift die liebe Mutter zu drastischen Massnahmen: Sie schickt ihren Sohn nach Tel Aviv, wo er sich endlich verlieben soll. Das klappt nicht ganz: Obwohl es nicht zur Heirat kommt, bestreitet Motti dort einige amouröse Abenteuer.
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse (2018) ist eine romantische Komödie nach Schema F. Nein, nicht ganz Schema F. Denn eine Besonderheit kann der Film ausspielen: Die Geschichte entspinnt sich innerhalb einer jüdischen Familie, die in Zürich lebt. Aus diesem Punkt zieht Wolkenbruchs Reise viele seiner Pointen, die leider nicht immer zünden. Dem Schweizer Regisseur Michael Steiner (Mein Name ist Eugen, Grounding) fehlt hier oft das Augenmass. Manchmal kommen die Witze halbgar daher, manchmal kokettieren sie etwas stark mit Vorurteilen. Gerade Mottis Mutter wird so überspitzt dargestellt, dass einem teilweise etwas mulmig wird.
Dass es Michael Steiner nicht bös meint, zeigt er mit seiner liebevollen Inszenierung jiddischen Ausdrücke – sie würzen den Film merklich und geben der Familie Wolkenbruch mindestens tausend Sympathiepunkte. Darüber hinaus vermag Mottis Entwicklung vom neurotischen Juden zum Hipster-Macho nur selten zu überraschen. Fröhlich klappert Steiner Klischee um Klischee ab, der Film wirkt über weite Strecken wie eine x-beliebige Hollywood-Romcom: Junge verliebt sich in Mädchen, Familie ist nicht einverstanden, Mädchen ist quirlig und frech, Junge macht eine Verwandlung durch, hach, wie süss.
Zugute halten kann man dem Film die beiden Hauptdarsteller: Joel Basman gelingt eine charismatische Mischung zwischen tölpelhaft-nerdig und nonchalant, während Noémie Schmidt mit Offenheit und Witz erfolgreich auch das Herz des Publikums erobert. Ärgerlich, dass sich die beiden mit einem von A bis Z durchschaubaren Drehbuch herumschlagen müssen. Die Inszenierung wirkt sattelfest, wenn sie stilistisch auch reichlich bieder rüberkommt.
Unterm Strich bleibt ein mässig unterhaltsamer Film, der nichts Neues bietet, aber von der Chemie seines Liebespaares zehren kann. Mit Woody Allen hat Wolkenbruch nicht viel am Hut, auch wenn das Drehbuch einmal pflichtschuldig Name-Dropping betreibt: Zu direkt sind die Pointen, publikumswirksam zwar, doch letztlich fehlen hier die zündenden Ideen. Sehen und vergessen.
4/10