“Gemütliche Action”
Steven Seagal schaffte es kurzzeitig, sich als dritte Actionkraft hinter Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone zu etablieren. In ähnlich angelegten Rollen und Filmen konnte er sich eine veritable Fangemeinde erprügeln. Da seine Karriere allerdings erst Ende der 1980er Jahre begann, hinkte er von Anfang an seiner Zeit hinterher. Den neuen Actionheroen der 90er Jahre - Mel Gibson mit der Lethal Weapon-Reihe (1987-1998) und vor allem Bruce Willis mit den Stirb langsam-Filmen (1988-1995) - konnte er nichts (qualitativ) Adäquates entgegensetzen.
Nach seinem Popularitätshöhepunkt mit den beiden Alarmstufe Rot -Streifen (1992, 1995) ging es langsam aber stetig bergab. Heute fristet er ein recht trauriges Videotheken-Dasein und beliefert abwechselnd mit seinen ebenfalls abgestürzten Actionkollegen J.C. van Damme und Dolph Lundgren die stetig kleiner werdende Anhängerschaft in schöner Regelmäßigkeit mit direkt-to-DVD C-Action.
Seagals Filmkarriere begann im stolzen Alter von 37 Jahren mit Andrew Davis (Auf der Flucht 1993, The Guardian 2006) Erstlingswerk Nico (1988). Der auch für damalige Verhältnisse recht günstige Streifen ($ 7,5 Millionen) spielte mehr als das dreifache seiner Produktionskosten wieder ein, Videoauswertung nicht mitgerechnet. 1988 gab es noch nicht so viel Konkurrenz im Actiongenre und Seagals Kampfsporteinlagen hoben sich von der vornehmlich schießenden Konkurrenz wohltuend ab.
Die Rolle des Sergeant Nico Toscani trägt autobiographische Züge. Wie Seagal ging er mit 17 Jahren nach Japan, erlernte neben diversen Kampfsportarten auch die Landessprache und brachte es schließlich zum 7. Dan Aikido sowie einer eigenen Kampfsportschule. So darf Steven im Film nicht nur seine Meisterschaft im Aikidosport demonstrieren, sondern auch sein fließendes Japanisch.
Zur Story:
Der Ex CIA-Agent Nico Toscani arbeitet inzwischen bei der Chicagoer Polizei als Drogenfahnder. Im Zuge seiner Ermittlungen stößt er auf eine Verschwörung zur Ermordung eines US-Senators, die ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Vom Dienst suspendiert, löst er das Problem auf seine Weise.
Ex-Elitesoldat mit dunkler Vergangenheit und unorthodoxen Methoden deckt kriminelle Machenschaften innerhalb einer Regierungsbehörde auf und verhilft der Gerechtigkeit schließlich fast im Alleingang und außerhalb gesetzlicher Grundlagen zum Sieg. 90% aller Actioner haben einen Plot ähnlich diesem Schema. Fehlt es an überraschenden Wendungen oder falschen Fährten, wirkt dies extrem vorhersehbar und schnell ermüdend. So auch hier.
Da die Figurenzeichnung ohnehin selten zu den Stärken dieser Filmgattung gehört - auch Nico bildet da beileibe keine Ausnahme - bleibt dem Genrefreund nur die Hoffnung auf die entscheidende Ingredienz: Action. Beschränkt sich diese dann aber lediglich auf ein paar Shootouts von der Stange sowie zwei bis drei Prügeleinlagen, so macht sich zuerst Ernüchterung und schließlich Enttäuschung breit. Dazu gesellt sich dann auch noch das Fehlen der für das Genre so typischen (und wichtigen) cool-witzigen Oneliner.
Auch die Schauspielerleistungen bieten allenfalls Durchschnitt. Während Seagal seine Sache noch ganz gut macht - die Rolle ist allerdings auch exakt auf seine Stärken (Kampfsport) und Schwächen (Mimik) zugeschnitten -, bietet vor allem Sharon Stone als seine liebende Ehefrau eine ganz schwache Vorstellung. In ihren wenigen Szenen reißt sie meist heulend die Augen auf und benimmt sich abwechselnd unterwürfig und hysterisch. Dass sie durchaus schauspielern kann, beweisen ihre späteren Auftritte in Basic Instinkt (1992) und Martin Scorseses Casino (1995, wofür sie sogar eine Oscarnominierung erhielt). Pam Grier schließlich als Nicos Partnerin Dolores Jackson wirkt ebenfalls reichlich lustlos. Sie sollte später auch noch kräftig zulegen können (1997 in Tarantinos Jackie Brown). Lediglich Henry Silva gibt einen herrlich schmierigen und sadistischen Schurken (Mr Zagon).
Regisseur Andrew Davis gelangen ein paar nette Bilder seiner Heimatstadt Chicago. Mit Alarmstufe Rot (1992, wieder mit Steven Seagal) und insbesondere dem Harrison Ford-Thriller Auf der Flucht (1993) konnte er sich allerdings sowohl spannungs- wie auch actiontechnisch noch ganz erheblich steigern.
Alles in allem taugt Steven Seagals Spielfilmdebüt lediglich zum gemütlichen DVD-Abend mit Freunden der (inzwischen recht angestaubten) 80er Jahre Action. Vor allem die vom Titelhelden selbst choreographierte Kampfakrobatik bietet dabei einen gewissen Unterhaltungswert. Mit Topfilmen dieser Gattung wie Stirb langsam (1988), Lethal Weapon (1987) oder Cliffhanger (1993) kann Nico aber keinesfalls konkurrieren.
Fazit:
Nico ist ein durchschnittlicher Cop-Actioner mit einem inzwischen recht angestaubt wirkenden 80er Jahre Flair. Steven Seagal macht in seinem Spielfilmdebüt eine halbwegs gute Figur, vor allem die von ihm selbst choreographierten Kampfsporteinlagen wissen zu gefallen. Story und Charaktere entsprechen den gängigen Klischees, bieten aber solide Unterhaltung. Allerdings fehlt es dem Film an rasanten Actionszenen, markant-witzigen Onelinern sowie einem durchgängigen Spannungsbogen. Für einen gemütlichen DVD-Abend mit (Genre-)Freunden aber noch akzeptabel.
(5,5/ 10 Punkten)