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Guillermo del Toro hatte zuvor schon Kurzfilme gedreht und fürs Fernsehen gearbeitet, aber so richtig aufmerksam auf sich machte er mit seinem ersten Langfilm, der ihm den Sprung nach Hollywood ermöglichte: „Cronos“.
Kurz angerissen wird die Geschichte des titelgebenden Geräts angerissen, geschaffen von einem von der Inquisition gejagten Alchemisten im 16. Jahrhundert, was leichte Erinnerungen an die „Hellraiser“-Reihe aufkommen lässt. Das insektenförmige Gerät, eine winzige Maschine, verschwindet im Staub der Zeit, als der Alchemist im Jahre 1937 stirbt und die Polizei in seiner Wohnung unschöne Entdeckungen macht, was del Toro mit wenig Budget, aber viel Effektivität als spannenden Ausgangssituation präsentiert.
Nach einem Sprung in die Gegenwart landet der Zuschauer bei dem Antiquitätenhändler Jesus Gris (Federico Luppi), der gemeinsam mit seiner Enkelin Aurora (Tamara Shanath) den Cronos in einem Ausstellungsstück in seinem Laden findet. Das Teil piekt ihn in die Hand, doch nach erstem Schrecken darüber wächst in Jesus der Wunsch nach Wiederholung: Der Cronos kann ihn verjüngen, hat jedoch Nebenwirkungen wie Heißhunger auf rohes Fleisch und Blut. Das funktioniert nicht nur als etwas anderer Vampirfilm, sondern auch als Parabel auf Suchtverhalten (eine im Vampirgenre auch öfter mal gezogene Analogie).

Gleichzeitig tritt der seltsame reiche Geschäftsmann de la Guardia (Claudio Brook) in Jesus‘ Leben, der Besorgungen durch seinen Neffen Angel (Ron Perlman) erledigen lässt und den Cronos haben will. Jesus leugnet das Teil zu besitzen, doch so einfach gibt de la Guardia nicht auf…
In der Rückschau ist „Cronos“ voll von Symbolen und Themen, die del Toros Schaffen bis heute prägen: Insekten, Zahnräder, Horror allgemein und Vampirismus speziell, Außenseitertum, (Ersatz-)Vaterschaften und deren Auswirkungen. Auch das visuelle Gespür des mexikanischen Filmemachers ist auch bei dem vergleichsweise kleinen Budget schon gut zu erkennen, schon hier in Zusammenarbeit mit seinem späteren Stammkameramann Guillermo Navarro, während die Blicke in das Innere des Cronos, in dem ein tatsächlicher Käfer die mechanische Insektenhülle steuert, bereits del Toros Faible für Tricksereien und Steampunk-Phantasien verraten.
So interessant der Film mit Hinblick auf del Toros weiteres Schaffen auch ist, so roh und unbehauen ist er allerdings dramaturgisch. Vieles wird angerissen, vom Verlangen nach Blut, das der Cronos auslöst über die Geschichte des Teils, die de la Guardia zwar aus Büchern kennt, die dem Zuschauer aber von der Auftaktszene abgesehen vollends verheimlicht wird, was wiederum die Frage aufwirft, was der Cronos so alles fabriziert haben mag, dass er zur Legende wurde. So ist der Streit zwischen armen Geschäftsinhaber und reichlichem Geschäftsmann auch ein recht behäbiger, gekennzeichnet von begrenzt pointierten Wortgefechten, mit Angel als weiterem, deutlich physischerem Element: Nicht nur gehen die meisten Gewalthandlungen des Films von ihm aus, sein Onkel verspottet ihn zudem als dumm und sein größter Wunsch eine Veränderung des Physischen, genauer gesagt eine Nasen-OP.

Ron Perlman in der Rolle des Angel ist dann ein weiterer Bezugspunkt des del-Toro-Kosmos, denn ihn besetzte der Regisseur in der Folgezeit liebend gern. Hier kann er als etwas tumber, verschlagener Brachialgangster ordentlich die Sau rauslassen und hat eine dankbare Rolle. Federico Luppi ist stark als von unnatürlichem Hunger und gefährlichen Süchten getriebener Protagonist, während der Rest der Belegschaft nur Okayes leistet.
So fehlt es der Geschichte dann an echtem Drive, trotz interessanter Themen und durchgängiger Motive. Was in Erinnerung bleibt, das sind Einzelszenen, von Jesus am Kühlschrank mit dem rohen Fleisch über eine Szene in der Leichenhalle bis hin zum eingängigen Schlussbild. Die wohl rührendste Szene des Films ist die, in der die beinahe stumme Enkelin ihre Spielekiste zum sarg-analogen Ruheplatz für den lichtscheuen Großvater umbaut, der den Tag vampirgleich verschläft, an der Seite von Kinderspielzeug. Doch solche tollen Momente können schlussendlich nicht verhehlen, dass „Cronos“ wenig erzählt und seine Figuren alle etwas unkonkret bleiben, aufgrund ihrer fehlenden Geschichte nie so wirklich eine Bindung zum Zuschauer aufbauen.

Es passiert wenig in „Cronos“ und die Figuren bleiben oberflächliche Chiffren, so sehr der Film bereits Themen und visuelle Motive des späteren del-Toro-Schaffens besitzt und so toll einzelne Bilder und Szenen auch sein mögen. Hier stecken auf jeden Fall schon gelungene Einfälle drin, aber ein komplett überzeugendes Ganzes gelang dem Regisseur bei seinem ersten Langfilm nicht – zu wenig packend ist die Vampirparabel, trotz höchst interessanter Ansätze.

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