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„Ach, hören Sie doch auf! Ihr Polizisten seid doch das Letzte!“

Im Jahre 1972 trieb irgendetwas Italo-Western-Regisseur Giuliano Carnimeo alias „Anthony Ascott“ („Sartana - Töten war sein täglich Brot“) dazu, sein angestammtes Genre zu verlassen und einen waschechten Giallo nach Drehbuch von Ernesto Gastaldi zu drehen, der auch an den nur ein Jahr zuvor umgesetzten Sergio-Martino-Gialli „Der Killer von Wien“ und „Der Schwanz des Skorpions“ mitschrieb.

In einem Hochhauskomplex geht ein Mörder um, der es auf attraktive junge Damen abgesehen hat. Nach einem Mord im Fahrstuhl wird ein Zimmer für Fotomodell Jennifer frei, die mit Mildred eine Wohngemeinschaft gründet. Fortan befinden sich beide in Gefahr, doch wer steckt hinter der Maske des kaltblütigen Schlitzers? Der Kreis der Verdächtigen ist nicht gerade klein: Jennifers ihr nachstellender Ex-Mann, ihr aktueller Freund Architekt Andrea und die ganze sich eigenartig verhaltende Nachbarschaft.

Die Handschuhe des Mörders sind diesmal gelb statt schwarz, ansonsten finden sich aber fast alle gemeinhin mit dem Genre in Verbindung gebrachten Charakteristika in Carnimeos Frühsiebziger-Giallo. Allen voran wäre da die irrwitzig konstruierte Handlung zu nennen, die hier den Zuschauer nicht etwa für dumm zu verkaufen versucht, sondern großen Spaß macht. Man kann herrlich miträtseln und letztlich sogar tatsächlich auf eine halbwegs richtige Spur kommen. Sunnyboy George Hilton („Der Killer von Wien“), diesmal mit Blutphobie als „Gimmick“, trifft einmal mehr auf die bezaubernde, hocherotische, sinnliche, einzigartige Edwige Fenech („Der Killer von Wien“), was zusammen ein eingespieltes Giallo-Team ergibt, das für Qualität in Form schauspielerischer Leistungen und optischer Leckerbissen bürgt. Nicht nur wegen der Fenech ist der Erotikanteil hoch, nackte Haut gibt es reichlich zu bewundern. Man geizt nicht mit teilweise wunderbar absonderlichen, sexuell aufgeladenen Szenen, wenngleich die Rückblenden im Rahmen des Sex-Sekten-Subplots aus Jennifers Vergangenheit doch arg offensichtlich spekulativ angelegt wurden und die Dramaturgie nur bedingt vorantreiben.

Stelvio Massis Kameraarbeit ist der reinste Genuss und braucht sich hinter der eines Emilio Foriscots für die Martino-Gialli nicht zu verstecken. Kreativ, originell, verspielt, innovativ gar – ein absoluter Leckerbissen, insbesondere in Kombination mit dem stylishen Interieur! Für den Part der ermittelnden Polizei bekommt man es mit einem ungleichen Duo zu tun. Während Chefinspektor Enci (Giampiero Albertini, „Die Viper“) ein eher grimmiges und ernstes Naturell an den Tag legt, schlittert man mit dessen Assistenten Redi (Franco Agostini, „Teenager-Liebe“) haarscharf am von mir gern als solches bezeichneten „Servus-Syndrom“ vorbei, was unpassende alberne Comedy-Einlagen meint, wie sie bereits Dario Argento in „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ zelebrierte. Obwohl eindeutig komödiantisch, ausgerichtet, bleibt aber noch alles in Rahmen der Erträglichkeit und gefährdet die Stimmung des Films nicht ernsthaft. Diese ist allgemein grell und überdreht, die Vorgänge exploitativ überzeichnet, dabei aber stets stilsicher einer Ästhetik folgend, die aus „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ einen in Pizza-statt-Popcorn-Manier zu genießenden, höchst unterhaltsamen Giallo macht, ohne es darauf anzulegen, sein Publikum – trotz einiger böser, blutiger Momente – nachhaltig zu verstören. Andere Gialli verfügen sicherlich über mehr emotionalen Tiefgang, hier hingegen scheint immer wieder schelmische Gesellschaftssatire durch.

Neben der verschachtelten Handlung und der alle anderen verblassen lassenden Fenech sind es besonders die vielen kuriosen Details, die im Gedächtnis haften bleiben. Dass für diese das Tempo häufig gedrosselt wird und man die Dramaturgie bisweilen auf der Stelle treten lässt, fällt in Anbetracht ihrer Kurzweil nicht ins Gewicht. Die erste, harmlose Badewannenszene beispielsweise verführte mich zu einem mittelschweren Lachanfall und soll stellvertretend genannt werden für das lustvolle Spiel mit dem Zuschauer und dessen Erwartungshaltung, die immer wieder bewusst ad absurdum geführt wird.

Unterlegt von einem schönen Soundtrack Bruno Niccolais präsentiert sich „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ als Giallo der Oberklasse, der genauso gut von Sergio Martino zu seiner Hochphase hätte kommen können und sich stark an dessen Stil orientiert. Einmal mehr hat schlichtweg jeder – inkl. der sympathischen Hauptrolle – seine Leichen im Keller respektive irgendwie einen an der Waffel und macht sich aufgrund seines neurotischen Verhaltens verdächtig, so dass auch dieser Giallo auf seine Weise ein bissiger Zivilisationskommentar ist, der zudem überholte Vorstellungen von Anstand und Züchtigkeit aufs Korn nimmt, sich vorsichtig gegenüber Feminismus und alternativen Lebensentwürfen positiv positioniert, nicht ohne Letzteren in Form der Sekten-Seitenhiebe auch einen einzuschenken und der durchgehend nicht nur stimmig, sondern geradezu prachtvoll inszeniert wurde. Pflichtstoff nicht nur für Gelbsüchtige!

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