Review

Ausgehend von der Novelle "The Hunter" von Donald Westlake konzipierten der Brite John Boorman und sein Star Lee Marvin 1967 einen träumerischen und gleichzeitig grimmigen Modern Noir Thriller, der bei seinem Erscheinen zwar weitgehend von Publikum und Kritik ignoriert wurde, aber im Laufe der Zeit an Bedeutung gewann und sich auch auf mehrere Filmemacher auswirkte. Die späte Anerkennung ist auch heutzutage noch nachzuvollziehen, der Film wirkt ungemein frisch und belebend und hat so gar nichts von der Wirkung verloren.
Grund dafür ist weitgehend die Art der Inszenierung und der Erzählweise; das Erzählte selber ist weniger bemerkenswert.
Das umgearbeitete Skript ist eine komplex erzählte Geschichte von Betrug und Rache; die gefährlichsten Menschen sind wieder einmal die nahestehendsten: Walker [ Lee Marvin ] wird während eines Raubzuges auf dem stillgelegten Alcatraz von seinem besten Freund Mal Reese [ John Vernon ] und seiner eigenen Frau Lynne hereingelegt und zweimal in den Bauch geschossen.
Ein Jahr später macht sich der genesende Walker nach Los Angeles auf, um sich sein Geld zurück zu besorgen.

Der Anfang auf Alcatraz wirft den Zuschauer mitten in die Ereignisse und eröffnet gleichzeitig einen düsteren und trotzdem faszinierend grellen Kunstthriller, der sich von Beginn an eines narrativ gewohnten Aufbaus verweigert.
Boorman arbeitet mit Vor- und mehrfachen Rückblenden, die das marginale Geschehen entweder hervorheben oder sogar umdrehen, und vieles wie einen fiebrigen, nicht dem Realismus versprechenden Traum erscheinen lassen. Walkers Weggang von Alcatraz ist ein ruhiger Stillstand, der sich in festgefrorene und parallel grausame und idyllische Standbilder ausdrückt: Walker regungslos im Stacheldraht hängend, Walker treibend in den Fluten.
Vielfältige Bewegungsmuster aus unterschiedlichen Sichtwinkel werden montiert, Geschehnisse wiederholt akzentuiert und in Zeitlupen wieder verlangsamt. Jump Cuts und Freeze Frames teilen das Geschehen in eine nichtlineare Zeitstruktur auf, die fragmentarisch verschiedene Sichtweisen betont.
Am Deutlichsten ist das in der Sequenz erkennbar, die Walker beim gewalttätigen Besuch seiner Frau zeigt. Mehrmals bekommen wir zu sehen, wie er durch die Tür bricht und Schüsse auf das Bett abfeuert, wobei einmal das Brutale in seiner Aktion hervorsticht und ein anderes Mal trotz der gleichen Bilder eine andere Wirkung, beinahe etwas Zärtliches, Intimes im Umklammern und Festhalten seiner Frau auffällt.
Einmal ist das Bad verwüstet, einmal erst nicht und dann plötzlich doch. Eine Leiche liegt auf dem Bett und ist in der nächsten Einstellung verschwunden.

Das Geschick der Montage konzentriert sich auf eine einfache Rahmenstruktur, der Mehrwert entsteht in den hypnotischen Bildern, nicht in der Handlung. Die Bedeutung liegt im Visuellen, es wird mehr gezeigt als geredet, das Optische tritt an die Stelle der Erzählung.
Das postmoderne Farbschema verleiht dem Film zusammen mit der widescreen Panavision Fotografie einen kompletten Kontrast zu dem Licht und Schatten des klaustrophobischen Film noir und setzt seinen Antihelden trotzdem innerhalb der verschlingenden Großstadt aus, aber ohne die Atmosphäre durch absichtlich dunkle Bilder hervorzuheben. Ein anderer Kontext entsteht.

Point Blank steht im Deutschen für "Geradewegs, unverblümt, schnurgerade" und verfolgt diese Formel dann materiell, das Vorgehen Walkers ist geradlinig und ohne Erlösung, er agiert die meiste Zeit non-emotional und eigenangetrieben. Wenige anderen Gedanken als die Wiedererlangung der erbeuteten 93000 Dollar kennzeichnen nunmehr sein Leben, einzig der Verlust der Liebe von seiner Frau kann anfangs einige wenige Momente des Verharrens bei ihm bewirken.
Dabei zeigt sich auch auf, dass der Protagonist ebenso wie der Beginn des Filmes ein wenig schroff und unzugänglich wirkt, was natürlich an der verbindenden Eigenheit liegt, dass der eine dem anderen keine Identifikationsfiguren anbietet.
Walker hat keine hehren Motivationen, er jagt Geld nach, dass er selber von anderen gestohlen hat, was wohl kaum eine Rechtmässigkeit eröffnet.
Die Haltung seiner Figur zur Aussenwelt ist endgültig gekappt, er kann keine Verbindung zu seinen Mitmenschen aufnehmen und konnte das scheinbar bis auf das Kennenlernen seiner Frau auch nie. Selbst die Überredung zu dem Coup erfolgt nur einseitig und wird durch den dort schwer betrunkenen Walker höchstens akzeptiert, aber nie realisiert. Er ist auch selber nur zur unbeeindruckten Wahrnehmung und dem Hervorbringen von minimaler Sprache fähig; der Grossteil seines Dialogs erschöpft sich meistens in der Frage und Forderung nach dem Geld.
Seine Aktionen sind ebenfalls rein ökonomisch, seine Gesten gleichzeitig bedeutungsvoll und unbelebt. Der Vorwurf "Du bist wirklich auf Alcatraz gestorben" wird wieder nur registriert.

Der durchaus vorhandene Rückgriff auf Klischees - die Geschichte allein ist Tradition - und die teils fehlende Auslotung spezifischer, zu schnell abgehandelter Szenen sind ein weiteres kennzeichnendes Element. Point Blank verwirft mehrere grossartige Setups [ Das hermetisch abgeriegelte Wohnhaus, die unendliche Leere und Weite der Wasserkanäle ] etwas zu schnell, wo man lieber verweilen und sich sattsehen oder die Möglichkeiten des Drehbuches geniessen möchte. Stattdessen wird der Plot fortgetrieben, Walker arbeitet sich vor, zuerst seine Frau, dann ihr Geldbote, dann Reese, dann die ganze hinter ihm stehenden Organisation des Mobs. Der Film ist nicht rasant, aber er hat zu wenig Inhaltliches zum Hantieren, wodurch auch die Bindung rein oberflächlich bleibt; es wird beinahe zu forsch das Ende angepeilt. Da hat das Remake Payback weitaus mehr erzählerische Elemente aufgeworfen [ zwei korrupte Cops, die asiatische Gang ], aber kann die nicht in der geeigneten Weise handhaben, sondern versteift sich auf Action und etwas zynischer Komödie.
Das Original muss nicht extra seinen Unterhaltungswert beziehen, nicht extra Publikumserwartungen bedienen, sondern zeigt eine persönliche Vision, der zu folgen viel spannender ist. Auch wenn man einiges anders gestaltet hätte.

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