Review

Nachdem der neue spanische Horror bereits ein wenig abgeebbt scheint, versuchen es die Regisseure Laura Alvea und Jose F. Ortuño auf psychologischer Ebene. Mit einem Mystery-Thriller, der zum Psycho-Trip mutiert und enorm viel Geduld und gleichermaßen Aufmerksamkeit erfordert.

Alex (Clare Durant) und Bram (Iván Pellicer) wohnen im selben Mehrfamilienhaus und sind seit früher Kindheit unzertrennlich. Doch zehn Jahre später, als der Schulabschluss ansteht, verbringt Bram mehr Zeit mit seiner neuen Freundin. Als eine ominöse Figur auftaucht und sich Dinge in ihrer vertrauten Umgebung zu verändern scheinen, droht Alex den Bezug zur Realität zu verlieren…

Wer auf Schockmomente oder blutiges Treiben aus ist, dürfte hier kaum fündig werden, denn bevor überhaupt ein roter Faden erkennbar wird und sich mehr als nur oberflächlich eingeführte Charaktere entwickeln, driftet die Szenerie bereits in surreale Gefilde ab.
Zwar erfährt man ein wenig über familiäre Missstände beider Figuren und einen augenscheinlichen Mangel an sozialen Kontakten, doch bevor Hintergründe aufgedeckt werden, verändern sich Umgebungen, Türen erscheinen in unmöglicher Position an noch unmöglicheren Orten und bei alledem dominieren Neonfarben, welche die kargen Schauplätze in unwirkliche Lichter tauchen.

Nicht selten drängt sich da ein Vergleich zu Argento, insbesondere „Suspiria“ auf, wenn sich bei Rot Ärger andeutet, während Grün eher für Melancholie, Hoffnungsschimmer und Trost steht. Es kommt allerdings auch ein Vergleich mit Ampelfarben in Betracht, zumal diese ab und an als eine der wenigen Außenaufnahmen eingeblendet werden.
Das Problem: Über 45 Minuten herrscht ein Mangel an Emotionalität und gleichermaßen eine schwache Bindung zu den Hauptfiguren, stattdessen wird ein Verwirrspiel in Gang gesetzt, dass aufgrund seiner wenigen Gruselmomente und vielen langen Einstellungen recht ermüdend wirkt.

Erst im letzten Drittel nimmt die Odyssee ins Unterbewusste konkretere Züge an und es fügt sich das eine oder andere Puzzleteil zusammen. Was zuvor ein wenig abstrus erschien, ergibt final einen Sinn, so dass diverse kleinere Twists und eine größere Wendung nahezu ohne Logiklücken vonstatten gehen und das lahm aufgezogene Vorspiel deutlich aufwerten.

Der gut abgestimmte Score, die passablen darstellerischen Leistungen und vor allem eine grundsolide Kamera, die mithilfe des Schnitts ein paar recht hübsche Szenenübergänge hinbekommt, sind ebenfalls auf der Habenseite zu verbuchen.
Zunächst zuviel Style over Substance, bis die eigentliche Substanz im finalen Akt zum Vorschein kommt und das Ruder zur positiven Seite herumreißt.
Dennoch mit Vorsicht zu genießen.
6 von 10

Details
Ähnliche Filme