Barcelona in den frühen Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts: Die staatliche Ordnung ist ein wenig aus den Fugen geraten, nachdem sich Gewerkschaften, Anarchisten und Polizei tagtäglich blutige Kämpfe liefern, während das spanisch-koloniale Militär in Nordafrika schwere Niederlagen hinnehmen muß. Gerade ist ein Munitionszug der Armee recht spektakulär überfallen worden, und ein Spezialteam der Polizei, genauso korrupt wie überfordert, ist mit der Aufklärung betraut. Die sieht dann so aus, daß der einzige Überlebende des Zugpersonals, der Maschinist, schwerst mißhandelt wird, da er aufgrund seiner Unschuld keine Namen nennen kann. In diese Szenerie platzt der baskische Polizist Anibal Uriarte (Luis Tosar), aus Madrid zur Verstärkung in die katalonische Hauptstadt entsandt. Anfangs scheint er nicht besser zu ermitteln als seine Kollegen, denn den bedauernswerten Maschinisten erledigt er per Kopfschuss, bevor dieser irgendwo verscharrt wird. Dann aber erweist er sich als raffinierter Taktiker: gelegentlich eines bezahlten Besuchs mit den Kollegen im Varieté des ebenso undurchsichtigen wie allwissend scheinenden örtlichen Mafia-Bosses, des "Barons" (Manolo Solo) verschafft er sich einen Überblick über die entscheidenden Akteure und setzt dann gezielte Aktionen, deren Ziel sich nicht erahnen läßt. Während er einerseits als Polizist auftritt, und dabei z.B. mit einem bestreikten Fabrikbesitzer spricht, hält er andererseits auch Kontakt zum Anführer der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter oder hilft einer Demonstrantin für Frauenrechte, gerade als deren Kundgebung von der Polizei niedergeknüppelt wird. Was bezweckt dieser Uriarte, und wer ist er eigentlich, er, dessen Nahkampfkünste seinen korrupten Kollegen zwar imponieren, sie aber umso mißtrauischer machen?
Das spanische Historien-Opus Gun City, im Original eigentlich treffender "Der Schatten des Gesetzes" (La sombra de la ley) genannt, versetzt den Zuschauer in eine Szenerie, die man aus diversen Filmen über die amerikanische Prohibitionszeit kennt: Jede Menge bewaffnete Gangster und korrupte Polizisten, denen ein Menschenleben nicht viel bedeutet. Vor dem europäischen Hintergrund kommen hier noch (friedlich) streikende Arbeiter und deren radikale Abspaltung in Form von bombenlegenden Anarchisten hinzu. Zwischen diesen unversöhnlichen Fronten versucht der undurchsichtige Uriarte, der über feinstes Benehmen genauso wie über knallharte Kampftaktiken verfügt, mit allen entscheidenden Akteuren in Kontakt zu bleiben, was sich als äußerst risikoreiches Unterfangen herausstellt.
Während des vorgegebenen Ziels, den Zug-Überfall aufzuklären um die erhebliche Menge erbeuteter Waffen nicht etwa in die falschen Hände geraten zu lassen (was einen Bürgerkrieg bedeuten könnte und damit für keine Seite - außer den ohnehin dafür verdächtigten Anarchisten - erstrebenswert scheint) beleuchtet Regisseur Dani de la Torre die wechselseitigen Beziehungen in diesem explosiven Geflecht der spanischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit. Dabei bedient er sich eines opulenten Settings (sehenswert: die großzügigen zeitgenössischen Räumlichkeiten, die stets passende Kleidung der Akteure auch in diversen Massenszenen, Strassen voller Oldtimer usw.) und läßt geschickt die Frage offen, welche Ziele sein schnauzbärtiger Hauptakteur eigentlich verfolgt. Da es sich jedoch um eine an historischen Tatsachen orientierte Geschichte handelt, gibt es nicht unbedingt ein Happy-End - alle Seiten müssen Verluste hinnehmen und einige im Laufe des durchweg unterhaltsamen Films aufgekommene Fragen werden nicht beantwortet. Nachdem der Zuschauer mit einigen wenigen, etwas ausführlicher beleuchteten Akteuren vielleicht doch ein wenig mitgefiebert hatte, ist diese am Schluß des Films während einer kurzen Arie vorgetragene Art der Auflösung daher insgesamt doch unbefriedigend, zumal auch die Figur des Anibal Uriarte weitgehend im Dunklen bleibt.
Trotzdem bleibt Gun City - unabhängig von historischen Begebenheiten, die man als nicht-spanischer Zuseher nicht unbedingt hinterfragen muß und gegebenenfalls als Hintergrund-Utopie zu akzeptieren bereit ist - schon allein aufgrund seines Settings ein sehenswerter Film. 6,49 Punkte.