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Als Regie-Veteran Robert Zemeckis 2004 seinen „Polarexpress“ abfahren ließ, erschien die Technik des „Performance Capturing“ noch nicht ganz ausgereift. Fast 15 Jahre später geht er beinahe den umgekehrten Weg: Er lässt Puppen mittels CGI so tanzen, als wären sie per Stop Motion unterwegs.

Der ehemalige Illustrator Mark Hogancamp (Steve Carell) wurde von fünf Männern ins Koma geprügelt und kann sich nach seinem Erwachen kaum mehr an sein vorheriges Leben erinnern.
Um sein Trauma zu verarbeiten, fotografiert er arrangierte Miniaturszenerien des belgischen Fantasiedorfes Marwen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, in dem sein Alter Ego als Captain Hogie unterwegs ist. Als Gegenüber mit Nicol (Leslie Mann) eine neue Nachbarin einzieht, bringt das sein Paralleluniversum reichlich durcheinander…

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, welche bereits in der Doku „Marwencol“ verarbeitet wurde. Hogancamp, der eine Vorliebe für Damenschuhe hat, gab dies seinerzeit gegenüber den Tätern zu, woraufhin diese ihm auf der Straße auflauerten.
Zemeckis klammert Details jener Tat weitgehend aus, indem er Mark recht früh ein Fotoalbum durchblättern lässt, welches das Ausmaß des schicksalhaften Ereignisses verdeutlicht. Umso verständlicher, dass sich der Traumatisierte zwecks therapeutischer Maßnahmen in einen alternativen Kosmos flüchtet.

Die Puppen-Action in Form von Nazi-Exploitation mit Barbie-Fetisch ist schon sehr speziell.
Bereits während der Exposition sieht sich Mark als Held von den Nazis im Flieger abgeschossen und wenn nach einer Bruchlandung die Stiefel brennen, müssen es auch mal gefundene Stilettos tun („aber die werden erst 1954 erfunden“), welche sich zudem recht gut als Waffe zweckentfremden lassen. Natürlich sind die ewig wiederkehrenden Nazis die Schläger von damals und die einzigen Frauen in Marwen sind jene, denen Mark im realen Leben regelmäßig begegnet, bis eben Nicol hinzukommt.

Leider fallen deren Figurenzeichnungen recht mager aus und über Stereotypen wie die russische, medizinische Hilfe oder dem Kumpeltyp im Puppenladen kommen diese kaum hinaus. Selbst die Interaktionen mit Nachbarin Nicol bleiben über weite Teile oberflächlich, bis es im finalen Drittel etwas kitschig und sentimental zugeht.

Demgegenüber zieht ein grandios performender Steve Carell alle Aufmerksamkeit auf sich. Den verschrobenen Kerl, der sich aus nachvollziehbaren Gründen in eine Fantasiewelt flüchtet und dabei im Endeffekt mit latenter Einsamkeit zu kämpfen hat, nimmt man ihm zu jeder Zeit ab. Diesbezüglich erinnern einige Kameraeinstellungen an Zemeckis „Forrest Gump“, später kommt gar eine eher unnötige Zeitmaschine ins Spiel.

Obgleich man nie ins tiefste Innenleben der Hauptfigur eindringt, werden die Konsequenzen der post-traumatischen Störung mehr als deutlich. Einige Male werden Puppenwelt und Realität gekonnt miteinander verschmolzen, während der starke Score von Alan Silvestri den überwiegend melancholischen Grundton der Geschichte unterstreicht.
Den aktuellen Zeitgeist trifft Zemeckis mit seiner eigenwilligen Mischung beileibe nicht, wer es jedoch ein wenig altbacken und spleenig mag, sollte den rund 116 Minuten durchaus eine Chance geben.
7 von 10

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