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Bis zu einem gewissen Grad wissen wir oder ahnen, wie grausam Krieg ist, besonders der Grabenkrieg im Ersten Weltkrieg. Glauben wir, denn wie dort die Realität aussah, dafür reicht unsere Vorstellungskraft wahrscheinlich nicht aus. Mit seiner Dokumentation zeigt uns Peter Jackson das echte Grauen durch echte Aufnahmen in Bild und Ton.

Er schlägt zeitlich einen Bogen vom Beginn des Krieges am 4. August 1914, zeigt die Rekrutierung und Ausbildung viel zu junger britischer Männer, zeigt die Kämpfe, die Auswirkungen, Ruhezeiten, die Apathie bei Kriegsende am 11. November 1918 um 11 Uhr und die Folgen für die Heimkehrer.


Die Originalaufnahmen aus dem Imperial War Museum zeigen zunächst den Enthusiasmus der vielen Freiwilligen, die Begeisterung bei der Ausbildung und die Ernüchterung als sie letztlich dann den Krieg erleben mussten. Dass das alles aus Sicht britischer Soldaten in Belgien gezeigt und erzählt wird, liegt wohl daran, dass das IWM den Film in Auftrag gab und Jackson nur Material aus deren Archiven verwenden sollte. Andere Kriegsschauplätze wie Australien oder eben Jacksons Heimat Neuseeland wurden außer Acht gelassen, was der erschütternden Eindringlichkeit des Films aber keinen Abbruch tut.


Jackson das Material aus Filmaufnahmen, Fotos und Plakaten aufbereiten und schärfen lassen. Vieles wurde coloriert und speziell bei den Filmaufnahmen wurden Texte neu eingesprochen, die von den gezeigten Soldaten tatsächlich gesprochen wurden. Dies wurde durch Lippenlesen ermöglicht. Zudem kommen mittels alter, aufbereiteter Aufnahmen oder eingesprochener Briefe und Tagebücher Veteranen zu Wort, die den Film aus ihrer Sicht schildern und teils nüchtern, teils mit Galgenhumor berichten, wie sie den Krieg erlebt und überlebt haben.

Die mündlichen Berichte in Verbindung mit den mitunter schonungslosen Bildern von Verwundeten, toten Menschen und Pferden, im Matsch versunkener Leichen und Begräbnissen, sind harter Stoff. Der Gedanke, dass dies echte Berichte und reale Bilder sind, wenn auch etwas über 100 Jahre alt, kann einem die Tränen in die Augen treiben, denn hier wird nicht der Verlauf des Krieges selbst dokumentiert, sondern viele Einzelschicksale. Das macht den Film so erschütternd und emotional.

Und Peter Jackson nimmt bildlich gesprochen kein Blatt vor den Mund. Wir bekommen eindringlich und fast hautnah das Leben der Soldaten in den Schützengräben zu sehen, die Unmenschlichkeit der Ereignisse, erfahren von der Angst, den Entbehrungen, Schlamm, Dreck, Ratten, Artilleriefeuer, Minenexplosionen, selbst Bilder vom Donnerbalken gibt es zu sehen.

Und erfreulicherweise zeigen die Berichte der Veteranen, dass zwischen den Deutschen und den Briten eigentlich kein Hass vorhanden war. Man schoss aufeinander und tötete sich, weil das sozusagen ihr Job war. Der Vergleich mit einem Job wird dabei durchaus häufiger gezogen. Und es wird festgestellt, dass die Deutschen keine Teufel waren, sondern auch nur Männer, Jungs von 14-16 Jahren teilweise, die Befehlen folgten und genauso viel oder gar mehr Angst hatten, wie die Briten und dass sie eigentlich sehr nett und sogar froh waren, wenn sie in Gefangenschaft gerieten.


Jackson zeichnet in bisweilen drastischen Bildern ein eindringliches Portrait von Menschen, die erst enthusiastisch, dann pragmatisch in den Krieg zogen. Ein wie ich finde wichtiger Film, der angesichts weiterhin andauernder Kriege auf der Welt vielleicht auch bei uns an Schulen gezeigt werden sollte. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich solche Erfahrungen nicht machen musste.

Extrem sehenswert, extrem grausig, aber auch positiv und in den Erzählungen der Zeitzeugen sogar bisweilen sympathisch.


Gesehen in der Kinofassung. Es gibt wohl noch einen um 30 Minuten längeren Extended Cut.

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