„Warum, bitte, sollte eine Maschine denn lügen?“
Buzzwords wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind in aller Munde – und diese Themen haben auch in der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-TV-Krimireihe Einzug gehalten. Ausgerechnet die Silver-Surfer-Fraktion in den Personen der Münchener Dauerkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) werden nun nach den Berliner, Saarbrücker und Bremer Kolleginnen und Kollegen ebenfalls mit dieser neumodischen Technik konfrontiert. Verantwortlich dafür zeichnen die Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen, für die Regie konnte man „Tatort“-Ausnahmeregisseur Sebastian Marka („Tatort: Es lebe der Tod“, „Tatort: Meta“) gewinnen. Die Erstausstrahlung erfolgte am 21. Oktober 2018, Besucher des Internationalen Filmfests Emden-Norderney kamen bereits am 9. Juni 2018 in den Genuss.
„Wir müssen mit Maria reden!“
Die 14-jährige Melanie Degner (Katharina Stark, „Der Staatsfeind“) verschwindet spurlos, ihre in Scheidung lebenden Eltern Robert (Dirk Borchardt, „Der Felsen“) und Brigitte (Lisa Martinek, „Das Duo“) sind verzweifelt. Da Batic Robert von Berufs wegen her kennt – er ist ein Kollege vom Sittendezernat –, nimmt er zusammen mit Leitmayr die Ermittlungen auf. Auf Melanies Notebook befindet sich ein KI-Chatbot, der sich Maria nennt. Hat er etwas mit Melanies Verschwinden zu tun? Im Garsinger Leibniz-Rechenzentrum stellt sich heraus, dass es sich bei Maria um eine Weiterentwicklung des eigenen Programms „Exmap“ handelt, basierend auf gestohlenem „Exmap“-Quelltext. Jungprogrammiererin Anna Velot (Janina Fautz, „1000 Arten Regen zu beschreiben“) zeigt sich fasziniert davon, dass „Exmap“ die Möglichkeit erhält, in Alltagssituationen mit Menschen zu kommunizieren und dadurch dazuzulernen, statt lediglich unter den strengen Richtlinien ihres Vorgesetzten Bernd Fehling (Florian Panzner, „Kleinruppin Forever“) durch speziell geschulte Probanden gemächlich mit Informationen gefüttert zu werden. Doch wie kommt Maria auf Melanies Notebook? Christian Wilmots (Thorsten Merten, „Bornholmer Straße“) arbeitet vor Ort als IT-Techniker, begeht jedoch Suizid, als die Polizei ihm auf die Schliche kommt. Wurde Melanie möglicherweise Opfer eines Sexualstraftäters? Plötzlich kommt Chatbot Maria für die Polizei als mögliche „Zeugin“ infrage…
Nur sehr bedingt bezieht dieser „Tatort“ etwaige Komik aus dem Umstand, dass die Welt moderner Technologie den nicht mehr ganz frischen Ermittlern fremd sein könnte – glücklicherweise, denn das wäre doch arg ausgelutscht. Stattdessen verhandelt „KI“ die sowohl pragmatische als auch moralische Frage nach technisch Machbarem auf der einen und dem verantwortungsvollen Umgang mit diesen Möglichkeiten auf der anderen Seite. Nicht von ungefähr erinnert der Chatbot an Cortana, Alexa und Co., die von so vielen Menschen reichlich blauäugig eingesetzt und denen intimste Informationen anvertraut werden. Diese Informationen wollen die Ermittler schließlich als Chance begreifen und nutzen, um Julias Verschwinden und Tod auf die Spur zu kommen. Als dank Maria der Hauptverdacht auf einen kürzlich aus der Haft entlassenen Sexualstraftäter (Michael Stange, „Quellen des Lebens“) fällt, scheint sich „KI“ zu einem indirekten Plädoyer für die dauerhafte Sicherheitsverwahrung von Vergewaltigern zu entwickeln.
Der Weg dorthin weiß aufgrund der Bildästhetik zu gefallen. Der stilsicheren Ausstattung, der Kamera, der man gern folgt, und dem zeitgenössischen Thema gelingt es dann auch beinahe, davon abzulenken, wie wenig es Melanies Leben aus dem Hintergrund, der reinen Funktion als Aufhänger, herausschafft. Wer war Melanie, was genau stellte sie mit oder dank Maria an, welche Sorgen und Nöte quälten das Mädchen? All dies bleibt derart diffus, als sei es uninteressant oder als sei mit der dysfunktionalen Beziehung ihrer Eltern bereits alles erklärt. Das ist schade, zumal auch eine Nebenrolle wie Wilmots genauso schnell abgehakt wird und verschwindet, wie sie Einzug in die Handlung und damit ins Zuschauerinteresse hielt. Auch mit der Charakterisierung Anna Velots tat man sich offenbar schwer, statt Tiefgang stattete man sie mit nerdigen, nassforschen Allgemeinplätzen aus, obwohl ihre Rolle so viel mehr Potential geboten hätte.
Eiskalt erwischt hat mich dieser „Tatort“, über dessen Finale ich hier eigentlich nicht zu viel verraten möchte, mit seiner Wendung gegen Ende (Spoiler-Alarm!): Die Rolle des Sexualstraftäters wird infrage gestellt, es offenbart sich eine ausgemachte Familientragödie – visualisiert in beklemmenden Rückblenden. Nachdem „KI“ bereits grundlegende Fragen nach der moralischen Rechtfertigung von Rache gestellt hatte, wird das unbedarfte Publikum mit einem weiteren Grundsatz konfrontiert: dem des blinden Vertrauens. Obschon man die Hacking-Fähigkeiten der „Exmap“-Entwicklerin durch ihre Spear- Phishing-Attacke auf einen jungen Mitarbeiter der Polizei bereits kennengelernt hatte, erwischt man sich dabei, der künstlichen Intelligenz geglaubt zu haben, ihr vielmehr noch sogar glauben hatte wollen – denn weshalb sollte eine Maschine lügen? Das besiegelte nicht nur einen weiteren Todesfall, sondern ist ein Schlag ins Gesicht des Publikums. So verärgert ich zunächst ob dieser Wendung reagiert habe, als so genial empfinde ich sie im Nachhinein, hält sie einem doch den Spiegel vors Gesicht und warnt eindringlich vor den Manipulationsmöglichkeiten nicht nur von Software, sondern auch von Menschen – von seiner selbst. „KI“ ist all seinen Schwächen zum Trotz faszinierender Technik-Einblick und Abgesang auf zu viel Vertrauen in künstliche Intelligenzen zugleich. Wer ernsthaft plant, eine Software existenzielle Entscheidungen zu überantworten (wie es angesichts manch Aktivität ausländischer Regierungen bereits keine Dystopie mehr ist), sollte einen Film wie diesen gesehen haben. 6,5 von 10 kompromittierten Dateianhängen dafür.