Review
von Leimbacher-Mario
Von Altlasten und Ehrenrettung
Der Storyverlauf erinnert an „Rocky III“, das emotionale Rückgrat hat er von „Rocky IV“ und er verhält sich atmosphärisch und qualitativ zu seinem direkten Vorgänger „Creed“, wie es einst der zweite Rocky zu seinem Original tat. Klingt kompliziert, Fans der Reihe werden mich aber verstehen... In „Creed II“ bekommt es Apollos Sohn und Rockys Schützling mit Viktor Drago zu tun, dessen Vater und Trainer bekanntermaßen einst Adonis‘ Vater im Ring tötete und dessen massive Erscheinung gefühlt von Moskau bis Philadelphia reicht... „Creed II“ macht eine gute Figur, im Boxring wie außerhalb. Auch ohne Ryan Coogler. Steven Caple Jr. füllt die großen Fußstapfen ordentlich aus, selbst wenn der Film etwas generischer und regietechnisch nicht ganz so versiert daherkommt wie Teil eins. Dennoch kommt kein halbwegs ernsthafter Anhänger der größten Boxsaga aller Zeiten an dieser explosiven Weitererzählung vorbei. Den groben Verlauf ahnt man zwar schnell, die Einzelteile hat man allesamt schon in einem der Vorgänger gesehen und „Creed“ wirkte im Ganzen frischer und engagierter - und dennoch passt das Gesamtpaket und die zwei Stunden verfliegen im Nu, nicht nur für Fans der ersten Stunde.
Der emotionale Punch ist auf Grund der Historie überlebensgroß, die Darsteller haben allesamt ihren Biss noch nicht verloren (Tessa Thompson ist mal wieder super!) und die Kampfszenen sind noch brachialer als im Vorgänger, wenn auch weniger elegant. Viktor ist wirklich angsteinflössend und einer der heftigsten Bösewichte und besten Boxer der gesamten Reihe. Zudem ist die (leider sehr kurz angerissene) Hintergrundgeschichte um die Dragos bemitleidenswert und traurig. Und etwas trashig, inklusive einer eiskalten Brigitte Nielsen. Doch ansonsten wurde man nahezu allen (liebenswerten) Trashballast aus dem „Kampf des Jahrhunderts“ von '85 los und wirkt recht bodenständig und realistisch. Zumindest für Rocky-Verhältnisse. Der Soundtrack ist eine krachende Melange aus fast allem Vorangegangen und die Trainingsmontagen haben mal wieder derart viel Motivation und Power intus, dass man am liebsten noch während des Films selbst Liegestütze und Sit-Ups machen will. Und allein für die Blicke, die sich Ivan und Rocky zuwerfen, lohnt sich jeder Eintritt. Dolph Lundgren spielt sensationell! Die neue Synchronstimme von Rocky ist das nicht, die grenzt eher einem Tritt in die Eier jedes langjährigen Zuschauers und hinterlässt einen ganz üblen Beigeschmack. Warum man hier auf einmal Jürgen Prochnow statt Thomas Danneberg ranlässt, ist ein unverständliches Rätsel. Daher: Original ist mehr denn je Pflicht! Ansonsten macht das Ding wenig falsch.
Fazit: nicht ganz so gut wie „Creed“, bei weitem nicht so emotional und kultig wie „Rocky IV“ - und dennoch ein starkes Sequel, das trotz vieler Anleihen auf eigenen Beinen steht und einen oft genug mitreißt. Spätestens beim finalen Kampf jagt eine Gänsehaut die nächste und man möchte fast vom Sitz springen. Reiht sich in der kompletten Rocky-Reihe im soliden Mittelfeld ein. Immerhin. Reicht mir.