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Jetzt sind die Seile überspannt. Ryan Coogler hat uns mit "Creed" bereits einen feinfühligen, runden Abschluss der Rocky-Saga beschert, der ja seinerseits schon ein Tanz auf der Rasierklinge war und keineswegs ein Selbstläufer. Der Fortsetzung macht es das nicht gerade einfacher. Von ihr kann man nun den Eindruck einer Endlos-Soap gewinnen, die ihre letzten Bahnen zieht, indem sie legendäre Momente mal wieder rekapituliert und auf rührselige Weise zu einem Patchwork verknüpft, das eigentlich längst fertig gewoben schien. Denn im Grunde erzählt sie die gleiche Geschichte noch einmal und lässt dabei den Lauf der Zeit weiter über die Figuren spülen - Hochzeit, Familie und eben alle Meilensteine inbegriffen, die das "normale" Leben so kennt.

Und dann kommt ein Ivan Drago aus dem Schatten wie der Villain einer SciFi-Opera. Aus der Ferne betrachtet mutet die Rückkehr von Rockys Erzfeind vollkommen hirnrissig an, auch wenn man verkaufstechnisch schon verstehen kann, weshalb Stallone die 30 Jahre alte Rivalität noch einmal aufwärmt. Leider dämpft die Betrachtung von Nahem den Kopfschüttel-Faktor nur bedingt. Wenn Dolph Lundgren mit dem Rücken zur Kamera plötzlich in Rockys Restaurant sitzt, ist das zwar ein wunderbarer Filmmoment, doch kaum hat die Begründung für die Rückkehr seinen Mund verlassen, ist der Zauber dahin. Der Kalte Krieg hat den Körper dieses Mannes offenbar nie verlassen, doch anstatt diesen Umstand zu einem psychologischen Drama auszuarbeiten, begnügt sich Stephen Caple Jr. mit den Plattitüden des grimmig dreinschauenden Russen, aus dem nicht einmal ansatzweise das komplette Potenzial gekitzelt wird. Zwar lässt sich das Character Writing nie völlig gehen, menschelt es doch mit den Pro- und Antagonisten gleichermaßen. Es schenkt ihnen immer wieder Momente, in denen sie sich gegen die Klischees stemmen dürfen, die an anderer Stelle leider so erdrückend wirken. Doch Ivan Drago, dessen Sohn und somit Hauptgegner von Adonis Creed über den gesamten Film nichts als eine ausdruckslose Marionette bleibt, wird es nicht erlaubt, aus dem blinden Fleck uralter Vorurteile auszutreten.

Den Amerikanern ergeht es nicht besser. Gleich neben Dragos gerümpfter Nase erklimmen ein paar Philly-Touristen die berühmte Treppe am Museum of Art und machen den Rocky-Jubel, als wäre das ein Vorgang, der sich dort alle fünf Minuten abspielt (wobei Besucher diese Beobachtung tatsächlich gemacht haben wollen), Creeds Freundin (Tessa Thompson im diesmal leicht gebremsten Nörgel-Modus) lebt trotz Gehör-Handicap ihren Plastik-Traum von einer Gesangskarriere (mit einem unsäglich provokanten Auftritt vor dem finalen Kampf in Russland, der völlig unreflektiert die Arroganz spiegelt, die den Amerikanern genau wegen solcher Momente unterstellt wird) und Adonis macht genau dieselben Hochs und Tiefs durch wie so ziemlich jeder junge Champion vor ihm, was ihn trotz einiger menschlicher Augenblicke unsympathischer erscheinen lässt als im ersten Teil. Auf Aufstieg folgt Hochmut folgt Fall, und dann eine gar nicht mehr so motivierende Wiederauferstehung, die am einfallslosen Recycling der Trainingssequenz aus der Blaupause "Rocky IV" krankt. Dessen Trash-Faktor bleibt natürlich trotzdem außen vor; so viel Anspruch an eine geschmackvolle Erzählung besteht dann doch, dass die beiden Altboxer nicht plötzlich wie wütende Soccer-Mums das Spielfeld ihrer Söhne erklimmen und sich gegenseitig auf die Nase geben.

Rocky bleibt der mit Abstand interessanteste Charakter des Films, er zehrt spürbar von seiner langen Biografie und erwärmt das Herz nach wie vor mit seiner widersprüchlichen und doch so authentischen Liebe zum Boxsport. Es bleibt ohne jeden Zweifel die größte Rolle, die Sylvester Stallone jemals gespielt hat. Doch selbst er leidet unter dem inkonsequenten Drehbuch, das einerseits die Routine in seinem Alltag betont (der Besuch an den Gräbern von Adrian und Apollo, die Arbeit im Restaurant), andererseits an jeder erdenkbaren Stelle auf die Erzeugung magischer Momente ausgelegt ist, die aber schon längst ausgequetscht wurden.

Trotz einiger schöner Momente erweist sich "Creed II" insgesamt als unnötiger Anhang, der bereits auserzählte Abschiedsmomente am laufenden Band neu erzeugt und somit neu für sich beansprucht. "Creed" hätte ein alleinstehender Epilog der Rocky-Saga sein können, jetzt ist es bloß wieder eine weitere Boxer-Reihe.

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