Wie konnte es zur Wahl Donald Trumps kommen? Wie nah steht die Welt am Abgrund?Was ist noch von klassischen amerikanischen Werten geblieben?Warum geht es so vielen Amerikanern schlechter als je zuvor? Und warum haben die Menschen das Vertrauen in Politiker, egal welcher Partei, nahezu unwiederbringlich verloren?
Das sind Fragen, die der (nicht unumstrittene) Doku-Regiestar Michael Moore in seinem neuesten Projekt, „Fahrenheit 11/9“, drastisch stellt und aufarbeitet. Er fühlte sich dazu verpflichtet, würde ich meinen. Denn ihm liegt Amerika und die Welt am Herzen. Egal, was engstirnige, rechte und ziemlich dumme Kritiker dem vehement widersprechen würde. Und „Fahrenheit 11/9“ sitzt. Wie Herr Trump auf dem Poster der Freiheitsstatue eine reinhaut, tun es diese 120 Filmminuten mit uns Zuschauern. Sie müssen es. Denn die Wahrheit tut weh. Natürlich wird durch geschickte Montage und gezielte Übertreibungen auf schwelende Wunden und ignorierte Leiden gedrückt - aber genau darum geht es. Man merkt zwar, dass es eigentlich eine Doku über die Wasserkrise in Flint werden sollte, doch der Bogen zu noch größeren Missständen wird geschickt geschlagen. Allein die ersten Minuten, durch den schockierenden Wahltag hinführend zum Titel, sind ganz großes Kino. Fast schon schwarzhumorig, wenn es denn nicht so traurig wäre. Es ist ein Schocker. Durch und durch. Von den unfassbaren Vorgehensweisen von Republikanern an der Macht bis zu völliger Enttäuschung über die gar nicht so unähnlichen Demokraten. Mit einem fassungslos machenden Besuch Obamas in Flint, der den dort Leidenden den Rest Hoffnung und Zuversicht nahm. Es ist eine deprimierende, aber keineswegs allzu pessimistische Zeichnung unserer Welt. Eine Welt am Abgrund. Eine Welt, in der es Hoffnung gegen Hass und Egoismus und Gier und Boshaftigkeit schwer haben. Trump war für mich schon immer sowas wie Biff in „Zurück in die Zukunft“. Aber er ist ein Phänomen. Und auch wenn Vergleiche mit Hitler und Nazideutschland sicher etwas heftig erscheinen, sind Ansätze und Parallelen nicht weit hergeholt. Vom Rechtsruck über die kämpfende Jugend, von der Politikverdrossenheit bis zur gefühlten Machtlosigkeit eines Normalbürgers, von Stillstand und Despoten, von einem kaputten System, von Fremdenhass und einem in die Knie gezwungenen und verprügelten Traum. „Fahrenheit 11/9“ ging mir nah, machte wütend, ratlos, traurig und war zudem, in all seiner Dunkelheit, extrem kurzweilig und kompetent komponiert.
Fazit: natürlich ist auch diese Michael Moore-Doku wieder sehr einseitig, manipulativ, emotional und links. Aber verdammt, ist sie wirkungsvoll und wichtig und zwingend. Fast ein wenig die Kulmination all seiner Themen, Bedenken, Thesen und Zeigefinger. Amerika und die komplette Welt an dem Abgrund, in den sie schon immer fasziniert geschaut hat...