Review
von Leimbacher-Mario
Kneipenkonfusion
Der „Twist“ von „The Crying Game“ würde heutzutage kaum noch eine Katze hinterm Ofen hervorlocken. Da bin ich mir sicher. Damals reichte allein das zum Sleeperhit. Zum Glück ist Neil Jordans Genrebender weit mehr als nur ein One-Twist-Wonder! Es geht um eine IRA-Zelle, die einen englischen Soldaten kidnappt und gegen Entlassung eines der I(h)ren freilassen würde. Als die Engländer nicht auf die Forderungen eingehen, soll die Geisel getötet werden. Doch einer der Iren hat sich ein wenig mit ihm angefreundet und von da an schlägt die Geschichte mehr Haken als der Roadrunner, mehr muss man auch nicht wissen. Am besten noch weniger. Obwohl das erst das erste Drittel ist. Umso knapper das Wissen, umso mehr haut es einen um. Selbst ohne die „Skandalwendung“ von damals. „The Crying Game“ ist ein verdammt guter Film, ein gefühlschaotischer Trip und ein sehr feiner Mix etlicher Richtungen. Verlasst euch drauf, ihr werdet nicht enttäuscht!
Völlig zurecht mit dem Oscar fürs beste Drehbuch bedacht, zudem grandios gespielt und sehr stilvoll. Rauch, Schatten, Schminke. Ein lasziver Cocktail aus Thriller und Romantik, aus Erotik und Krimi, aus Anziehungskraft und Grenzen, aus Wut im Bauch und Liebe im Herzen, aus Führung und Unterwerfung, aus Abhängigkeit und Ausstrahlung. Man weiß nie, wohin es geht, man gibt sich ganz Jordans Führung hin. Und es zahlt sich aus. Als ob „Blue Velvet“ auf „In The Name of The Father“ trifft. Bizarr, eigen, mutig. Mit einer der süßesten Liebeleien seines Jahrzehnts. Immer am Rande der Unglaubwürdigkeit, des Kitsch, des WTF?! - aber nie fällt er um. Und dieser Balanceakt ist eine echte Sehenswürdigkeit. Allein Jaye Davidsons Performance kann man nicht beschreiben, muss man sehen und fühlen. „The Crying Game“ geht ganz eigene Wege, die nie ausrechenbar sind. Und das obwohl man den damaligen Haupt-Wow-Faktor und riesigen Werbeclou heutzutage schon lange vorher kommen sieht. Dennoch: „The Crying Game“ ist mehr als nur dieses „Gimmick“ und war seiner Zeit spürbar voraus. Mit einem feurig-traurigen Titellied und einem der coolsten Barkeeper aller Zeiten. Ein Rollenspiel der Uneitelkeiten.
Fazit: I.R.A. - irisches ReizeAllerlei. Neil Jordan gibt einen dicken Haufen auf Genres, Tabus, Klischees und Grenzen. Und „The Crying Game“ ist vielleicht sein Magnus Opus. Voller Leidenschaft, Courage, Mut, Style, Erotik und Gewalt. Und natürlich einer Menge Überraschungen!