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Viele Menschen über 80 dürften Probleme haben, Bücher zu lesen oder gar das Gelesene wiederzugeben. Mit 85 können sich einige nicht mehr an ihren eigenen Namen erinnern. Wenn sie auf die 90 zugehen, wollen sie wieder zur Schule, zur Mama, oder zur Arbeit.
Auch Clint Eastwood geht nochmal zur Arbeit, indem er vor und hinter die Kamera tritt.

Earl Stone (Eastwood) arbeitet anno 2005 noch als erfolgreicher Züchter von Taglilien, doch Jahre später geht das Geschäft den Bach herunter und auch seine Familie will kaum noch etwas von dem Greis wissen. Bis ihm ein Bekannter seiner Enkelin einen Tipp für eine simple Kurierfahrt gibt, was sich als erste von mehreren Fahrten fürs Drogenkartell entpuppt…

Der Stoff basiert vage auf der Geschichte von Leo Sharp, einem seinerzeit 90jährigen, der über zehn Jahre Drogen für das mexikanische Sinaloa-Kartell schmuggelte. Gut für Eastwood, dass diese Figur zumindest in Ansätzen in sein autobiografisches Muster passt: Kriegsveteran, das oftmals belächelte Alter als Deckmantel von Spitzfindigkeiten und nicht zuletzt ein Weiberheld, denn immerhin hat Eastwood acht Kinder von sechs verschiedenen Frauen.

So geht es auch weniger um den eigentlichen Krimi rund um den Drogenschmuggel, dem zwei DEA-Agenten (u. a. Bradley Cooper) mittels eines Infiltrierten auf die Spur kommen könnten, sondern um das Lebensgefühl einer Hollywood-Legende, die überwiegend im Pick-up sitzt und Country Songs mitträllert. Das gerät nicht sonderlich spannend, doch es hat Charme, weil der Mann nichts von seiner Ausstrahlung eingebüßt hat, obgleich sein Rücken eine leichte Krümmung aufweist und der Gang ein wenig wackelig anmutet.

Der eingestreute, überaus trockene Humor erweist sich derweil nicht immer als treffsicher.
Beim Ablenken eines Polizeihundes kommt unweigerlich ein leichtes Schmunzeln auf und ein leises Fluchen zum richtigen Zeitpunkt macht ohnehin Laune, doch beim offenkundigen Ansprechen eines Afroamerikaners als „Neger“ weiß man nicht, ob das Selbstironie oder Altersstarrsinn ist. Was im Übrigen auch den Umgang mit halbwegs modernen Technologien oder Frauen weit vor der MeToo-Ära betrifft, denn der olle Recke lässt es sich nicht nehmen, auf der Hazienda von Kartellboss Andy Garcia mit zwei Ladies im Zimmer zu verschwinden, um kurz darauf gut gelaunt und entspannt in der Lounge zu erscheinen.

Leider werden die Wirren des Familiendramas etwas zu simpel entknotet, obgleich das Mitwirken von Allison Eastwood als Filmtochter auf ein gewisses Vorhaben hinzuweisen scheint. Speziell gegen Ende erhält dies eine etwas zu kitschige Note, - eher hätte man sich eine Wendung Richtung „Million Dollar Baby“ gewünscht, was den insgesamt ruhig erzählten Film ein wenig wach gerüttelt hätte.

Wer sich Action oder mitreißende Ermittlungsarbeiten erhofft, dürfte hinsichtlich der Schauwerte enttäuscht werden, denn die basieren nahezu einzig und allein auf der Präsenz von Clint Eastwood. Dieser kokettiert zwar effizient mit seinem Alter, bleibt dabei jedoch so erzkonservativ wie eh und je, indem er Freiheit und Abenteuer ausgiebig auskostet und zwischenmenschliche Konflikte im Handumdrehen mit Weichspüler löst.
Was Drehbuchautor Nick Schenk bei „Gran Torino“ noch vortrefflich und vor allem auf bissige Weise gelang, bewegt sich hier zwischen uneingeschränkter Hommage und letztlich zu zaghafter Reflektion einer Legende.
Knapp
6 von 10

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