kurz angerissen*
Eine prachtvolle Tulpe wird sanft im Wind gewogen. Die Kamera fährt zurück und legt ein fruchtbares Feld frei, das sich im Rhythmus der kitschigen Eröffnungsmelodie von Arturo Sandoval zu bewegen scheint. Womöglich ist Clint Eastwood seine Metapher für die Zerbrechlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen ein wenig zu plakativ geraten; einen bildhafteren Aufhänger als den Tulpenzüchter aus einem Zeitungsartikel hätte er jedenfalls nicht auftreiben können, um davon zu erzählen, wie ein Mann seine Familie zugunsten seines Jobs vernachlässigt.
Wenn sich Eastwood als Regisseur in seinem Spätwerk mit der Zeit angreifbar gemacht hat, dann dadurch, dass er stets die schicksalhafte Poesie des Antiheldentums in der profanen Nachrichten-Realität zu finden versuchte und dabei zuletzt immer krampfhafter vorging. Hinter der Kamera schienen ihm die Figuren regelmäßig zu entgleiten; er fand keinen rechten Zugang zu ihnen und lenkte sie prompt in die falsche Richtung, wenn er nicht wenigstens als knorrige Nebenfigur selbst mit auf dem Parkett stehen konnte, um sie zu führen. "The Mule" krankt potentiell an den gleichen Stellen wie die letzte Handvoll seiner Arbeiten... mit dem essenziellen Unterschied eben, dass er endlich selbst wieder als Akteur in Erscheinung tritt, und dann auch noch in der Hauptrolle.
Während die gesamte Story mitsamt ihrer kompletten FBI-Parallelmontage-Struktur nämlich auch diesmal als sentimentales Rührstück viel zu einfach zu durchschauen ist, bleibt Eastwood als Darsteller ein Faszinosum - und letztlich auch das Instrument, das ihm in seiner Funktion als Regisseur immer noch am vertrautesten ist. "The Mule" lebt nicht etwa von der Entwicklung der Beziehung zwischen einem Familienvater und seiner entfremdeten Familie, sondern vielmehr davon, wie ein alter Querkopf aus einer längst vergessenen Generation mit der Welt von heute kollidiert. In den zufälligen On-the-Road-Begegnungen mit Afroamerikanern, mit Frauen in Männderdomänen und letzlich natürlich mit der organisierten Kriminalität steckt eine Menge Faszination. Mehr als an dem sturen alten Bock, den ein Eastwood ohnehin aus dem Ärmel schüttelt, ist der Film an den blinden Flecken der heutigen Weltordnung interessiert, an den Schlupflöchern, die nur jemand ausnutzen kann, der nichts so macht, wie andere Menschen es machen würden. Zwei Mexikaner in eine Klitsche voller weißer Konservativer zu zerren oder sich mit den Gespielinnen von Drogenbossen zu vergnügen, geht vielleicht als unangemessenes Verhalten durch, doch es legt den Finger auf den wunden Punkt einer Welt, die sich ohne Unterlass vom Massenstrom leiten lässt.
Oberflächlich betrachtet mag "The Mule" einer dieser kitschigen Abschiedsbriefe von der Welt sein, tatsächlich konfrontiert er sie aber noch einmal mit einer alternativen Perspektive.
(6.5/10)