Review

Maulwurfgrübel


2019 war das Jahr, in dem männliche Regielegenden zurückguckten, Revue passieren ließen und vielleicht auch einiges klarstellen oder überarbeiten wollten, sogar Schlussstriche und Fazits zogen. Scorsese, Tarantino oder eben Eastwood seien da genannt, der mit „The Mule“ einen etwas unspektakulären und trägen, aber dennoch richtig guten Film abgeliefert hat. Vielleicht sein letzter vor der Kamera, vielleicht einer seiner letzten hinter der Kamera, sicher nicht mit der aller interessantesten Story gesegnet, einen Überschuss an Kinetik oder Energie hatten Eastwoods Werke zudem eh noch nie. Und dennoch: „The Mule“ ist altersweises, sehr emotionales, klares Kino, das allen Ballast abgeworfen hat und in seiner Konsequenz, Ruhe und Gelassenheit fasziniert, fesselt, fortträgt. Whiskey schnappen, in den Lieblingssessel pflanzen und noch einmal genießen... Wir folgen Eastwood durch eine seiner besten Performances seit Jahren - er spielt einen steinalten Blumenzüchter, der vom mexikanischen Kartell engagiert wird, in seinem unauffälligen Pick-Up immer größer werdende Mengen Drogen quer durch die Staaten zu fahren. Und dabei bleibt er nicht nur erstaunlich unter dem Radar, er verdient sich auch ein goldenes Näschen, macht sich einen feinen Lebensabend und knüpft eigentlich längst verlorene Bande zu seiner Familie...

„The Mule“ ist durch und durch, voll und ganz Eastwood - und hier passt es einfach, hier wirkt es, hier zieht es und hier packt es einen trotz oder gerade wegen all seiner Behäbigkeit und Alterscoolness. Er spielt selbst gut wie lange nicht mehr, die Geschichte ist wahr und bleibt zwar auf dem Boden, ist an sich aber dennoch unfassbar, bis in kleinere Nebenrollen gibt’s Stars zu bestaunen und in seiner Gefühlswelt, Wärme und Aussage ist dieser ungewöhnliche „Gangsterfilm“ derart deutlich, klar, klassisch und unmissverständlich, dass man nur mit einem guten Gefühl aus dem Abspann kommen kann. „Stelle Familie über alles!“ klingt jetzt zwar auch nicht allzu weise, tiefgründig oder neu, vielleicht sogar etwas altmodisch, bieder und konservativ, auf „Gran Torino“-Niveau kommt das alles nie und es gibt deutlich zu wenig Sequenzen, in denen der Puls zumindest etwas nach oben getrieben wird - und trotzdem klickt ein Rädchen ins andere, das Gesamtbild ist edel und der Flow geht gut nach vorne. Ein echter Altmännerfilm, was hier nicht positiver gemeint sein könnte. Diese Art ist nicht immer sinnvoll und passend (s. „Jersey Boys“) - hier allerdings schon. 

Fazit: ruhig, gelassen, weise, reflektierend - zwar kein zweiter „Gran Torino“, aber ein verdammt sensibles, intensives Super-Spätwerk von Eastwood, das mich nicht nur positiv überrascht hat, das mir irgendwie auch in der Seele gut getan hat. Aus der Zeit gefallen, gleichzeitig zeitlos und erhaben. Für mich keine Sekunde zu langweilig oder träge - und wenn, dann meist zu seinem Vorteil... Gut, einfach und gut. Kein Meisterwerk, aber ein Film, den ich sehr, sehr gern geschaut habe und für den ich scheinbar genau in der richtigen Stimmung war. Hach... 

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