kurz angerissen*
Welches Ungleichgewicht entsteht, wenn die Concept Art alle übrigen Kategorien des Filmhandwerks vollkommen überstrahlt, lässt sich ganz wunderbar an der rollenden Dystopie "Mortal Engines" ablesen. Die Trailer profitieren noch von den nie zuvor gesehenen Bildern mobiler Städte, die von noch viel größeren Städten in der laufenden Bewegung verschluckt werden. Eine derartig kühne SciFi-Konzeption widerspricht immerhin vielen Jahrtausenden menschlicher Siedlungsgeschichte, die nun einfach gekreuzt wird mit der Geschichte der Mobilität. Wem schon Wohnwagen und Hausboote suspekt sind, der wird hier erst recht stutzen. Aber auch alle anderen dürften aufgrund des architektonischen Umfangs der Ungetüme mit den Ohren schlackern, zumal im Design durch die Steampunk- und Industrial-Anleihen eher die Vintage-Schiene bedient wird. Man könnte das Gefühl bekommen, dem normalen Kinogänger, der ohnehin immer den Finger am Logik-Abzug hat, ist das alles ein wenig too much. Zumindest würde Peter Jacksons Drehbuch nach dem Buch von Philip Reeve sehr hart an den Erklärungen der Hintergründe feilen müssen. Eine starke Background-Story wäre nötig, um die längst eingebrannten Bilder von Städten auf Rädern zu stützen.
Doch was soll man sagen, die fahrenden Städte bleiben ein auf sich selbst verweisendes Argument. Natürlich ist es spektakulär, wie die Kamera um die riesigen Flaggschiffe kreist und zwischen dem ausgedorrten Boden und der höchsten Stelle der Festung permanent Aufzug fährt, womit ein immersives Gefühl für die gewaltigen Dimensionen erzeugt wird. Aber, egal wie man sich verrenkt, es geht am Ende eben nicht um die Sets, sondern immer um die Figuren. Reeve bzw. Jackson sind sich dessen auch völlig bewusst. Es gibt große Emotionen, vorgetragen in bedeutungsvollen Momenten wichtiger Entscheidungen. An Gefühlschaos mangelt es ebenso wenig wie an Taten im Affekt, die zu brutalen Konsequenzen führen. Woran es aber fehlt, sind ausgerechnet jene menschlichen Makel, von denen man wohl glaubte, sie der Heldin einfach in Form einer großen Gesichtsnarbe verpassen zu können. Aber so einfach ist es nicht.
Möglicherweise hat das Buch hier einen Vorteil, denn während die trotz der Vermummung immer noch zu niedliche Hera Hilmar den eng gefassten Hollywood-Regeln für Identifikationsfiguren entspricht, kann sich der Leser immer seine eigene Heldin ausmalen. Eine Feststellung, die auf Co-Star Robert Sheehan ebenso zutrifft. Das gesamte Figurenrepertoire erinnert auf unangenehme Weise an den kurz entflammten und schnell wieder abgestorbenen Zweig des Young-Adult-Movies, was sicherlich auch auf die Themen aus dem Dunstkreis "Dystopie und Rebellion" zurückzuführen ist. Statt einer Zukunftsversion des imperialistischen Roms aus Cäsars Tagen wie bei "Die Tribute von Panem" gibt es eben diesmal Dampfmaschinen aus dem Do-It-Yourself-Katalog, aber solche "Skins" ändern am eigentlichen Modell nicht viel. Und das stammt hier leider mal wieder aus einem Baukastensatz.