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Und ist auch Schnee auf dem Dach, so lodert doch das Feuer im Kamin - gemäß diesem Motto verabreden sich die beiden weit in ihren Siebzigern befindlichen britischen Senioren Betty McLeish (Helen Mirren) und Roy Courtnay (Ian McKellen) ganz zeitgemäß via Internetplattform zu einem gemeinsamen ersten Date in einem Restaurant. Nach einem kurzen Smalltalk inklusive Hervortreten hinter den Internet-Aliases beschließt man nach gegenseitiger Sympathie ein weiteres Treffen. Roy allerdings fährt nicht wie angekündigt nach Hause, sondern trifft sich im Hinterzimmer eines Casinos mit Geschäftspartnern - Investoren, denen er für riskante Einsätze hohe Renditen verspricht. Die Einsätze landen freilich auf seinem eigenen Konto, da Roy seine Geschäftspartner nach genau einstudiertem, bewährtem Muster mit seinem als Vermögensverwalter auftretenden Freund Vincent (Jim Carter) nach Strich und Faden bescheißt - er ist ein hingebungsvoller Betrüger und hat sich die nonchalant auftretende Betty, die er als vermögend einstuft, auch nicht umsonst ausgesucht.
Es dauert auch nicht lange, bis der alte Herr, der offensichtlich Probleme hat, die Stufen zu seiner im obersten Stockwerk gelegenen Stadtwohnung zu erklimmen, ins Gästezimmer von Bettys geräumigem Wohnhaus außerhalb der Stadt eingeladen wird, wo er fortan logiert - sehr zum Leidwesen von Bettys Neffen Stephen (Russell Tovey), dem das alles viel zu schnell geht. Doch dessen offenem Mißtrauen begegnet Roy ein ums andere Mal mit seinem Charme, dem sich auch Betty nur schwer entziehen kann. Als der Neffe, ein Politikstudent mit Schwerpunkt Albert Speer, für ein paar Tage nach Berlin verreist, sieht Roy die Gelegenheit gekommen, mitsamt seinem von ihm "zufällig" eingeladenen Freund Vincent das Thema Vermögen anzusprechen...

In der ersten halben Stunde glaubt man sich in der US-Produktion The Good Liar in einer typisch seichten TV-Komödie, doch dann zieht der Film langsam das Tempo an und kommt auf den Punkt: entsprechend dem deutschen Subtitel Das alte Böse geht es auf Spurensuche in die Vergangenheit, genauer ins Berlin der Nachkriegszeit, wo Roy Courtnay als junger Soldat der britischen Besatzungsmacht stationiert war. Doch auch hier, einem Zwischenstopp auf einer nach Venedig und Paris geplanten Art später Flitterwochenreise, gelingt es dem alten Schwindler, der nicht so gern über seine Vergangenheit spricht, sich wort- und gestenreich aus der Affäre zu ziehen.

Nach dieser eher unerwarteten Episode schlägt The Good Liar dann eine Richtung mit einem wesentlich ernsteren Hintergrund ein, die man dem Film nach diesem betont heiter-beschwingten Einstieg kaum zugetraut hätte - und auch Betty offenbart einige Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit. Im letzten Filmdrittel, als die beiden sich immer noch sympathischen Senioren dann ein gemeinsames finanzielles Vorhaben auf den Weg bringen wollen - Roys Ziel von Anfang an - wartet das Drehbuch dann mit einem finalen Plot Twist auf: don´t get mad, get even...

The Good Liar wirkt an manchen Stellen zwar etwas bemüht, lebt aber im Großen und Ganzen von den hervorragenden darstellerischen Leistungen seiner bekannten Proponenten Mirren/McKellen/Carter und vermag mit seinen überraschenden Wendungen nicht nur Krimifans gut zu unterhalten. Von einigen Kraftausdrücken abgesehen ein harmloses, aber nie seichtes Vergnügen für die ganze Familie: 7 Punkte.

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