Neue Gruselfilme nehme ich eigentlich nur noch als generische Thumbnails bei Streaminganbietern wahr. Manchmal klicke ich drauf, manchmal nicht. Die Entscheidung ist meistens mehr von meiner akuten Laune bestimmt, als davon, daß sich die Filme auf den ersten Blick von einander abheben. Bei ELI war es dann doch das Thema eines kranken Jungen in der Horror-Klinik, welches mich nach einem spontanen Blick auf die Synopsis zum Klick bewegt hat. 2019 braucht es dennoch mehr als das, um mit einem Gruselstoff noch punkten zu können, denn der Markt ist scheinbar unendlich gesättigt.
ELI beginnt nun mit einem Szenario, welches einer meiner Guilty Pleasure Komödien BUBBLE BOY nahe steht, nämlich einem hermetisch von der Umwelt abgeriegelt hausenden Dreikäsehoch, dessen größter Albtraum der Kontakt mit der Umwelt ist. Bis bei dem Ausflug zur letzten Heilungschance in einem Gruselanwesen dann der Müllsack-Astronautenanzug reisst, war ich mir auch nicht sicher, ob es vielleicht ein psychosomatisches Problem aufgrund einer überaus besorgten Mutter sein könnte.
Man arbeitet mit Klischees des Haunted House Genres, kann durch ansprechendes Sounddesign und furchterregende Schemen durchaus den ein oder anderen Schauer über die Haut jagen. Das ist soweit Handwerk, das sind Motive, die der Zuschauer erwartet. Ich sehe was, das du nicht siehst und ihr glaubt es alle nicht.
Persönlich schätze ich die Atmosphäre von Irrenanstalten oder der Freiheitsberaubung im Pflegekontext, wie man es hier im Verlauf vorfindet, als der kränkelnde Knabe von einer beunruhigenden Expertin auf dem Gebiet in einem hinter Luftschleusen rein gehaltenen Gebäude aufnimmt. Experimentelle Therapie könnte man es nennen, jedoch fällt es schwer die Zuversicht der Eltern zu teilen.
Vielleicht wird in ELI schon zu auffällig mit der Genrekeule gewedelt, als daß nicht noch mehr folgen müsste, andererseits gestaltet sich der Übergang radikaler, als man es wohl annehmen wollen würde. Die Vorzeichen werden einem Paradigmenwechsel unterzogen, der auch den räudigen Streifen um gruseligen Nachwuchs der späten 70er entstammen könnte.
Da hat man dann auch nicht alles auf die Waagschale der Stringenz gelegt, sondern sich mit den Wogen der Inszenierung treiben lassen.
Genauso schätze ich dann auch ELI als unterhaltsamen Film, der genau besehen in seiner Konstruktion so viele Fragen aufwirft, daß man fast schon eine Serie folgen lassen könnte. Der Unterschied zu früher ist sicher, daß man sich auf technisch gutem Niveau dennoch nicht an den Grenzen des Machbaren bewegt und wohlmöglich die Gefahr besteht, daß die Sache nicht auf sich beruhen wird, sondern wirklich noch jemand Geld in die Hand nehmen könnte, um mehr aus diesem Kosmos zu erzählen.
Während aber die Anspielungen bei ausreichend Genreerfahrung genügen, um die erzählerischen Ellipsen mythisch auszuschmücken, würde der Stoff einer zu nahen Betrachtung wohl nicht so gut standhalten. Das ist die Krux des Filmemachens dieser Tage in einer Kultur des Überflusses, die nichts mehr gemein hat mit dem Bisschen, was man für die mühselig ersparten Märker aus der Videothek ergattern und dann in vollen Zügen genießen musste. Für heutige Augen vielleicht zu wenig aufregend und nachvollziehbar hat Eli meine Sympathien vor allem als ein Film, den ich früher bestimmt richtig gemocht hätte und der deshalb heute zumindest immer noch angenehm die Sinne runter geht.
Wer merkwürdige Kinder, denen unheimliche Dinge passieren mag, und diese Filme, in denen von da einfach alles nur noch infernalischer wird, wer sich dieser inneren Logik hingeben mag, die eine Welt auf den Kopf stellt, bis sie brennt, der könnte unter diesen Aspekten sicher angenehm beklemmende anderthalb Stunden verbringen, die einen dann aber auch nicht so nachhaltig beeinflussen, daß man nicht direkt den nächsten Film auf Netflix anklicken könnte. Letzteres würde ich aber eher als ein Phänomen der Postmoderne einordnen, in dem die Teufel der Vergangenheit Mainstream geworden sind und eher das Gegenteil als Rebellion angesehen werden würde. Vielleicht ist das der wahre Geist von ELI, daß er von der Machart auf eher nostalgische Weise hergestellt wurde und damit den Nörgler in mir anspricht, der sich nach der Romantik vergangener Tage sehnt. Und deshalb erfüllt mich ein Film, den ich heute vielleicht nicht mehr gebraucht hätte, dann doch mit angemessenem Wohlbefinden.