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Nach rund fünfjähriger Regieassistenz bei italienischen Genre-Routiniers wie Joe D'Amato, Lamberto Bava und Dario Argento legte Michele Soavi 1985 schließlich sein Regiedebüt mit einer Dokumentation des Kinos Dario Argentos vor. Es folgten die Horrorfilme "Deliria" (1987), "La chiesa" (1989), "La setta" (1991) und "Dellamorte Dellamore" (1994). Der Zusammenbruch der italienischen Filmindustrie, der zu diesem Zeitpunkt schon die meisten seiner Kollegen empfindlich getroffen hatte, holte dann auch Soavi ein, gleichwohl gerade sein jüngster "Dellamorte Dellamore" als kleine Perle des phantastischen italienischen Films gefeiert worden war. Es folgten nur noch TV-Filme, die Italiens Landesgrenzen nicht überschritten, ehe Soavi direkt nach seiner Regieassistenz bei Terry Gilliams "Brothers Grimm" (2005) mit dem Kriminaldrama "Arrivederci amore, ciao" (2006) wieder auf die großen Leinwände zurückkehrte und auch im Ausland ein positives Kritikerecho verbuchen konnte. Letzteres war dem zwei Jahre darauf erschienenen (Nach-)Kriegs-Drama "Il sangue dei vinti" (2008) nicht vergönnt, das neben zwei TV-Filmen Soavis weitere Karriere in den 00er Jahren ausmachte. Die 10er Jahre fielen dann nicht besser aus – ganz im Gegenteil: TV-Filme und TV-Serienbeiträge dominierten Soavis Schaffen in dieser Dekade. Erst 2018 vermochte er es, wieder einen Kinofilm zu veröffentlichen – und darüber hinaus zum phantastischen Film zurückzukehren; wenn auch nicht mit einem Horrorfilm, sondern mit einer phantastischen Komödie für Kinder & Familien.

Doch "La Befana vien di notte" erweist sich auch bei gutem Willen als herbe Enttäuschung. Die Komödie über die italienische Sagengestalt Befana, die – dem Nikolaus vergleichbar – als Hexe zur Weihnachtszeit Geschenke an die artigen Kinder und Kohlenstücke an die garstigen Kinder verteilt, bleibt in löblichen Absichten stecken. Drehbuchautor Nicola Guaglianone, der auch in diesem Jahr mit "Il primo Natale" (2019) einen Weihnachtsfilm aufweisen kann, hat eine in zahlreichen Details nicht gerade runde Weihnachtssatire ersonnen, die von Soavi mit einem offenbar zu niedrigem Budget umgesetzt worden ist – wobei Charme und fesselnde Momente immer wieder hinter den literarischen Aspekten des Buches zurückbleiben.
Die Geschichte und die Moral von der Geschichte steht jederzeit im Vordergrund: Da wäre die – ganz besonders vor dem Hintergrund der italienischen Frauenbewegung – als emanzipierte Frau zu verstehende Hexe, die von rund 500 Jahren dem Scheiterhaufen entgangen ist und seitdem als Weihnachtshexe Befana zur Geisterstunde des alljährliche Weihnachtsfest plant und vorbereitet (und tagsüber als Lehrerin getarnt Unterricht gibt). Zu ihrem Ärger kommt sie jedoch nicht an den Ruhm des Chauvinisten Santa Claus heran, in dessen Schatten sie agieren muss. Hingegen ist Befana als Lehrerin mit einem modernen Mann (beinahe) liiert, der ihr auf Augenhöhe begegnet (auch wenn er im Finale entscheidenden Anteil an ihrer Rettung hat).
Die moderne Frau, die sich an patriarchalischen Machtmännern abarbeiten muss, bildet den ersten moralischen Ansatz des Films. Der Spielzeugfabrikant Mr. Johnny, der die Weihnachtshexe von seinen debilen Helfern entführen lässt, verfolgt diesen Aspekt aber nur am Rande weiter und steht in erster Linie für den kommerzorientierten Kapitalisten (vermeintlich ohne höhere Werte) ein: Unter Gewaltandrohung fordert er von der Hexe die Herausgabe aller Kinderbriefe, die ihr zugeschickt worden sind, um an die Weihnachtswünsche der Kleinen zu gelangen. Sein Weihnachtszeit-Merchandising erweist sich dementsprechend als seelenlos durchkalkulierter Schrott: Mit Titelheldin Befana hat etwa eine kleine Plastikhexe nichts zu tun. Im Gegenteil: Das eingearbeitete Suchtmittel, das Mr. Johnnys Kinderspielzeug zur reinsten Droge machen soll, soll im Fall der Befana-Miniaturfigur aufgrund der Überdosis sogar tödlich wirken. Dass Mr. Johnny letztlich doch höhere Werte begehrt, dass er mit aller Macht geliebt werden will (und der Weihnachtshexe aufgrund eines Kindheitstraumas die Schuld am Liebesentzug seiner Eltern gibt), überführt diesen Aspekt der Weihnachtskonsum-Satire wieder in den ersten Aspekt.
Entführt werden konnte Befana nur deswegen, weil der Rabauke unter ihren Schülern als Spanner versehentlich ihre nächtliche Aktivität auf Video festgehalten hat. Der Rabauke ist freilich auch ein Chauvinist, der seiner Ex-Freundin seinen Willen aufdrängen will; und darüber hinaus ein Rassist, der eine farbige Mitschülerin aufgrund ihrer Hautfarbe aufzieht. Die Drehbuchlogik will es so, dass er nach der gemeinsamen Befreiung der Weihnachtshexe mit seinen MitschülerInnen nicht bloß wohlwollend seine Ex-Freundin einem sensibleren Mitschüler überlässt, sondern selber mit dem farbigen Mädchen eine Liebelei beginnt. Dieses Ideal der Verständigung mit den anderen verfolgt der Film später in der Verurteilung einer Drohnenattacke weiter, die Mr. Johnny auf die Kinder startet. Die Subjektive (der Kameraaugen der Drohnen) fängt kurioserweise bloß die Kinder ein, deren Familien einen Migrationshintergrund aufweisen: die Farbige und den Asiaten.
Zu diesem dritten moralischen Aspekt, der sich auf die Herkunft konzentriert, gesellt sich noch ein vierter, der in seiner Handhabung ausgesprochen zweifelhaft erscheint: Das Achten auf die körperliche Gesundheit wertet der Film auf, indem er die Dickleibigkeit abwertet. Die Chauvinisten Santa Claus und Mr. Johnny sind beide ausgesprochen korpulent; Mr. Johnny ist es 25 Jahre vor der eigentlichen Handlung bereits als kleiner Junge, der als propperes Moppelchen ein wenig der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Und auch ein an der Rettung der Weihnachtshexe beteiligter Junge ist dickleibig: er ist zwar positiv konnotiert, wird aber dennoch mit seinem Heißhunger und dem Schnaufen bei körperlicher Anstrengung der Lächerlichkeit preisgegeben. Nach dem Finale ist auch er geläutert: Den Kuchen seiner ebenfalls fülligen Mutter lehnt er entschlossen ab, da dieser dick mache.[1]

Daraus ergibt sich ein Konglomerat der erhobenen Zeigefinger, gipfelnd in einer Schlüsselszene des kollektiven Zusammenhalts: Weil sie mit ihren Fahrrädern im Tiefschnee nicht mehr vorankommen, bauen die Kinder ihre Räder zu einem einzigen Fahrradschiff um, auf welchem sie "Wir halten zusammen"-singend der Rettung der Weihnachtshexe entgegenfahren. Besonders in dieser Szene, aber auch in allen anderen moralisch ausgerichteten Details, ist "La Befana vien di notte" von erschreckender Plumpheit.
Wenig charismatische Kinderdarsteller, deren Figuren aufgrund der überbordenden Episodenhaftigkeit des Films nahezu kein Profil gewinnen, lassen diesen Umstand – hierzulande unterstützt durch eine hölzerne Synchronisation – noch deutlicher hervortreten. Erschwerend kommt neben vereinzelten Ungereimtheiten in Sachen innerer Logik das geringe Budget hinzu: Mr. Johnny ist zwar eine an Mr. Boogie aus "The Nightmare before Christmas" (1993) gemahnende Figur, doch seine Spielzeugfabrik könnte von einer Tim-Burton-Ästhetik nicht weiter entfernt sein: Über die schrulligen Kopfbedeckungen der Mitarbeiter und ein paar vereinzelte, übergroße Spielzeug-Accessoires kann die weitestgehend spärlich und fantasielos ausgestattete Spielzeugfabrik, die wie ein Bond-Schurken-Stützpunkt eine Gipfelkuppe ziert, kaum adäquat mit Leben gefüllt werden.
Auf der Haben-Seite bleibt wenig: Paola Cortellesi und Fausto Maria Sciarappa schlagen sich in ihren tragenden Rollen ganz wacker; drei oder vier Szene, die ganz sanft durchschimmernden gothic-horror-Charme atmen, sind visuell ansprechend umgesetzt worden; kleinere Frechheiten (wie der Sturz in die Scheiße oder der Spanner im Grundschulalter) unterlaufen ein wenig den Anstand vieler Kinderfilme, wenngleich die Einbindung solcher Elemente ganz und gar dem moralischen Zeigefinger gehorcht; und eine last-minute-rescue, bei welcher der Retter in der Not im Dinosaurierkostüm durch eine Schneewüste stolpert, ist hübsch absonderlich geraten. Es überwiegt jedoch bei weitem der Eindruck eines unbeholfenen Weltverbesserungs-Lehrstücks, das im Laufe der Spielzeit immer aufdringlicher daherkommt.
4,5/10


1.) Weniger systematisch taucht noch die Homosexualtiät in einer Episode auf. Auch sie wird etwas zweifelhaft als zwar eindeutig zu akzeptierende Eigenschaft vorgeführt, zugleich aber auch als Gag in Szene gesetzt. Um den Zungenkuss mit seinem love interest zu proben, bittet der Softie unter den Schülern seinen allwissenden Freund um Hilfe – beim harmlosen Proben werden sie von einem Mitschüler gestört, der diese Probe missversteht.

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