Ich bin nicht ganz sicher, warum ich als Fan von Comic-Verfilmungen bis jetzt immer einen großen Bogen um "Daredevil" gemacht habe, ich vermute, es war nur ein Warnruf meiner Intuition, der vom Kinokartenkauf abhielt. Und jetzt, nach Ansicht der DVD, weiß ich, daß mit meiner Intuition nichts falsch läuft. Meine Alarmanlage ist noch völlig intakt.
Also: von all den modernen Comic-Verfilmungen seit Batman 1989 das neue Zeitalter einläutete, ist "DD" sicher die schlechteste, sogar noch schlechter als "Batman und Robin", wobei ich "Spawn" eher in die B-Verfilmungsliga einordne. Woran mag das liegen?
Zunächst mal: kaum jemand hierzulande kennt Daredevil. Selbst ich habe nur ein begrenztes Vorwissen, aber ein besonderes Interesse konnte die Figur nie bei mir wecken. Was ja nichts heißen soll.
Was bietet er uns denn: er ist der erste blinde Superheld, der durch die extreme Schärfung seiner anderen Sinne ein Rächer vor dem Herrn wird, ein Verbrechensjäger, der nicht zuletzt den Tod seines Vaters durch einen Unbekannten rächen will. Jupp, das klingt stark nach Batman (der natürlich nicht blind war, sondern einfach nur schlau und gut durchtrainiert) und wenn es auch nicht Gotham ist, sondern das übliche New Yorker Hells Kitchen-Viertel (wobei Gotham auch nichts anderes als New York ist), in dem er für Recht und Ordnung sorgt, fällt es schwer, die Ähnlichkeiten auszublenden.
Denn: sonst gibt es keinerlei Exotik, die ihn aus dem Kanon der Superhelden hervorstechen lassen würde, ein normaler Mensch mit supergeschärften Sinnen.
Leider hat man zu dieser Charisma-Armut auch gleich noch den passenden Hauptdarsteller gefunden, denn Ben Affleck ist, trotz seines unerklärlichen momentanen Star-Appeals, eine Blassnase erster Kajüte und hat auch nicht den Hauch von Ausstrahlung, um diese Figur auch nur in Düsternis zum Leuchten zu bringen. Dröge und fade hinkt Affleck durch seine One-Liner, macht ein bißchen auf Tragik und Identitätskrise, spielt den wohl schlechtesten Blinden seit Anbeginn der Zeiten und setzt, als ihm Jennifer Garners Parfüm gefällt, durch unerklärliche Kampfkunst gleich mehrfach seine Tarnidentität aufs Spiel.
Das ist aber längst nicht alles. Selten hatten wir einen Helden, der im ersten Film gleich viermal von unterschiedlichen Leuten enttarnt wird, von seiner Liebsten, einem Geistlichen, von einem Reporter und vom Oberbösewicht und dennoch macht er fröhlich weiter. Offensichtlich hat er von seinem Job keine Ahnung oder er hat einfach nur Pech. Ist aber auch keine große Sache, denn das DareDevil-Kostüm, dass man Affleck verpasst hat, würde auf jeder SM-Party in Berlin-Mitte keinen Blumentopf gewinnen und stinkt nach Billig-Plastik.
Dafür schwankt die Qualität seiner Kräfte aber ganz gewaltig. Zwar ein normaler Mensch mit reichlich Narben, schwingt er sich an seinen Drahtseilen ganz ohne Gelenkproblematik von den höchsten Wolkenkratzern, vollführt in der Luft komplette Drehungen und vollzieht 50-Meter-Sprünge über ganze Häuser, was auch nicht so recht erklärt wird.
Dabei soll man nicht erwarten, dass die FX-Abteilung das brauchbar im Film untergebracht hätte. Die Hälfte von Afflecks Einsätzen im ganzen Film ist im Computer erzeugt worden und dummerweise sieht man es ihnen auch in JEDER Szene an, denn unrealistischer und übermenschlich schneller geht's kaum noch.
Ein Knüller ist auch das Einsetzen des Regens, in dem Affleck die Garner sehen kann (das Echo der Tropfen dient ihm als visuelles Radar), der von einer Sekunde auf die andere als kompletter Guss niederfällt und nicht erst mit ein paar Tropfen beginnt.
Ein Herausforderung an alle Fans sind auch die Aufnahmen von dem, was Affleck selbst mit seinen verbliebenen Sinnen so erblickt, denn die Bilder und Schwingungen überlagern sich so flott, dass man schon hypteraktiver Sechzehnjähriger sein muss, um da noch durchzusteigen. Dass die Schnittabteilung ins selbe Horn stößt und die am unvorteilhaftesten geschnittenen Actionsequenzen seit langem zustande bekommt, passt da gut hinein.
Der Rest des Casts passt sich dem bösen Spiel leider an: Jennifer Garner bietet eine B-Vorstellung als dolchbewerter Catwoman-Ersatz, Michael Clarke Duncan spielt den Oberbösen, der nicht mal erledigt wird, als würde er gleich aus seinem Maßanzug platzen und Colin Farrell als "Bullseye" nimmt die Comic-Gelegenheit war und chargiert wie auf einem vollbesetzten Kindergeburtstag.
Dass sie allesamt Dialoge des Grauens zu sprechen haben und so etwas wie eine Handlung gar nicht in Gang kommt (der Film braucht fast eine Stunde seiner nicht mal 100 Minuten, um die Charaktere endlich zu etablieren), hilft der Sache leider nicht weiter. Am schlimmsten ist dabei der emotional heischende Off-Kommentar Afflecks, der sogar Hysteriker problemlos einschläfern könnte.
Am Ende ist "Daredevil" nur eine trübe Suppe von Klischees und Aneinanderreihungen altbekannter Bilder aus anderen Comicverfilmungen, die der herzlich inspirationslose Mark Steven Johnson auch noch fade und altbacken, aber im technologischen Overkill gewandet zusammenkleistert, als ginge es um einen Zitatewettbewerb. Wenn man schon keinen eigenen Stil kreieren kann, sollte man vielleicht bei Emotionalgrütze wie "Jack Frost" bleiben.
Und damit kann man nicht mal damit schließen, dass "Daredevil" immerhin lustig geraten ist, denn das kümmerliche Ergebnis dieses Films lässt allerhöchstens ein mitleidiges Lächeln zu. Missraten in fast jeder Beziehung. (2/10)