"I wonder who the real cannibals are."
Alleine der Blick in meine Freundesliste genügt, um mir die Gewissheit zu geben, dass Deodatos kontroverser Kannibalenstreifen noch heute polarisiert. Und gewiss kann ich es niemandem verübeln, wenn er eine Abneigung gegen den Film hat, wenngleich er für mich einer der wichtigsten Vertreter des italienischen Genrekinos ist.
Zur Handlung: Eine Filmcrew bricht in den südamerikanischen Dschungel auf, um eine Dokumentation über die letzten Kannibalen zu drehen. Als diese nicht mehr zurückkehren, wird eine bewaffnete Sucheinheit hinterhergeschickt, welche jedoch nur noch das Filmmaterial bergen kann, welches auch zurück in New York prompt gesichtet wird.
Unterlegt mit einem unvergesslichen Score von Riz Ortolani, welcher tragischerweise vor wenigen Jahren verstarb, lässt Deodato seine bedrückende Allegorie der menschlichen Abgründe auf den Zuschauer los. Zunehmend wird der Zuschauer Zeuge, wie die gnadenlose und raue Umgebung die Wahrnehmung und Moral der Protagonisten beeinflusst, welche sich mehr und mehr ihrer zivilisierten Basis enteignen und zu ebenso gnadenlosen Bestien verkommen. Diese Metamorphose endet, sobald die Mitglieder des Filmteams jeglichen Ethos fallen lassen und sich der gesetzlosen Welt des Dschungels auf verstörende Art und Weise hingeben. Eingefangen wird die unheilvolle Konfrontation der "zivilisierten" und "primitiven" Welt in spektakulären Bildern, für die sich Sergio D'Offizi verantwortlich nennen darf. Die wunderbare Kameraarbeit ermöglicht es der Atmosphäre, sich vollkommen zu entfalten. Mit den äußerst unnötigen und lang gedehnten Foltersequenzen, wie beispielsweise die Bestrafung der Ehebrecherin, bezichtigt sich der Film mit einem Augenzwinkern selbst dem Voyeurismus, weshalb ich Deodato nichts verdenken kann.
Die Ausgangssituation der Handlung mag zwar vorhersehbar sein, doch verfehlt seine Wirkung trotz allem nicht und bestätigt letztendlich seine ohnehin kontroverse Aussage in noch kontroverseren Bildern.