Frei nach Monthy Python "kommen wir jetzt zu etwas völlig Anderem." Bis vor ein paar Minuten wollte ich an dieser Stelle - also nicht direkt an dieser, aber immerhin auf der OFDB - meinen süßen Senf zu Fulcis "Conquest" abgeben. Dass ich mich spontan dazu berufen sah, selbigen Senf zum Alibifilm des Kannibalensubgenres abzugeben liegt einzig und allein am von mir heißgeliebten Bahnhofskino - Podcast, dessen jüngste Episode den von mir bereits besprochenen "Asphaltkannibalen" auseinander nimmt. Da ich den schon besprochen habe musste also der nächste naheliegende Menschenfresserfilm ran und da die beiden Moderatoren diesen Film hier ebenfalls in besagter Episode erwähnten: Bitteschön. Ist ja nicht so, als hätte ich als Italohorrorfreund nicht ohnehin irgendwann man darüber reden wollen, denn "Nackt und zerfleischt" ist wie ein gewisser serbischer Film ein erschreckend guter Film.
Das wollte ich mit 16 nicht wahrhaben: da begegnete mir der Film einerseits bei den Damen und Herren von den Schnittberichten (und löste schon durch die Screenshots samt Beschreibungen sehr unangenehme Gefühle in mir aus), andererseits am Ende einer horriblen Hollandklassenfahrt in einem DVD - Laden in einer offensichtlich ungeschnittenen 16er Fassung. Scheinbar sind unsere Nachbarn da weniger zimperlich. Der Trailer gehörte dann dank meiner jugendlichen Neugier gar zu meinen allerersten Youtubesuchen und brachte mich dann auch direkt davon ab, den Film sehen zu wollen. Nun, einem Mitschüler und Sudelkumpel sei Dank, der mich vergeblich von den Vorzügen von "Saw" und "Hostel" überzeugen wollte kam ich 2008 einige Monate vor Erreichen meiner Volljährigkeit an die deutsche Synchronfassung des Filmes, sichtete diese und schloss lange mit dem Film ab. Seitdem sichtete ich diesen Film mehrfach, diskutierte ihn seither mit sehr großer Vorsicht und unglaublich spitzen Fingern und bin nunmehr, 17 Jahre mit dem Film lebend, der Meinung, dass nichts oder niemand so heiß gegessen wird wie er / sie / es gekocht wird. Sieht man davon ab, dass fast alle Beteiligten hier Rohfleischgenießer sind.
Eingelullt vom gar zuckersüßen Score Riz Ortolanis werden wir von einem freundlichen Rhetortenjournalisten mit symapthischer Betonfrisur in die Prämisse des Filmes eingeführt: Nach einem Monolog über technischen Fortschritt und "primitives" Stammesleben stellt uns der Temu - Kent Brockman die eigentlichen Protagonisten, ein vierköpfiges Filmteam, vor, die in Pflichterfüllung im Amazonasbecken verschollen sind, wo sie in gossenjournalistischer Mission über die Existenz vermeidlicher Kannibalen berichten sollten. Um das Filmteam zu finden oder zumindest das Material zu bergen wird der Anthropologe Monroe mit zwei kernigen Dschungelscouts in den Urwald geschickt, um dort als Ersatzbankdiplomat den Eingeborenen ein paar Informationen zum Verbleib der Journallie.
Einige widerwärtige Goremomente, beeindruckende Kamerafahrten und Ortolanithemen später hält Monroe endlich den begehrten Film in Hände, bringt diesen in die USA zurück und ab da läuft im TV - Studio alles nach dem Motto Julius Cäsars: Sie kamen, sahen und trauten ihren Augen nicht" Denn die vermeidlich sympathischen jungen Burschen und Mädels aus der Dokumentationshölle benahmen sich bei der Annäherung an den Stamm weitaus schlimmer, als es sich ein Klaus Kinski beim Dreh zu "Fitzcarraldo" je getraut hätte und provozierten die Ureinwohner bis auf's sprichwörtliche Blut. Klar, dass die nach einem Urlaub voller Mord, Folter und Vergewaltigung am Ende zum Bad in der Gulaschkanone samt anschließendem Buffet geladen werden und in bester "Blair Witch" - Manier vor der Kamera ihr Ende finden. Danke, genügt: Film vernichten, Moralplädoyer, Ortolaniscore und Schluss. Und jetzt ab an die Bar, zum Ruhigsaufen.
Von allen Deodatos, die ich kenne, ist da qualitativ der eindeutig beste und bewegt sich fast schon auf Hollywoodniveau. Die Botschaften mögen in der gezeigten Bildgewalt zwar mitunter gnadenlos absaufen, aber die Bildebene ist und bleibt eine starke. Und nein, Bildebene ist hier nicht mit Gewaltdarstellung gleichzusetzen: "Nackt und zerfleischt" ist jenseits allen Geschmadders geradezu schwelgerisch gefilmt und verführt seine ZuschauerInnen geradezu zur cineastischen Komplizenschaft, woran auch Komponist Riz Ortolani eine gewisse "Mitschuld" trägt, dessen Filmmusik nicht umsonst auch in manchem Plattenregal steht, dessen Besitzer den dazugehörigen Film hassen. Die Effekte unterdessen stellen ausnahmslos alles in den Schatten, was im Italohorror zuvor geboten wurde: Der Film verstört heute noch und erteilt jedem Unterhaltungswert im eigentlichen Sinne eine gehörige, rostrote Abfuhr.
Leider ist da aber auch dieser Elefant im Raum, der vor laufender Kamera aufgeshcnitten und ausgeweidet wird: Die Tiertötungen im Film sind ein trauriger Tiefpunkt des Horrorgenres und durch nichts, aber auch gar nichts zu entschuldigen, zumal keine davon sachgerecht oder auch nur im entferntesten human erfolgt und abgesehen davon außerhalb des Schockeffektes nichts zum eigentlichen Geschehen beiträgt: da macht es auch nicht den geringsten Unterschied, dass die Crew alle versnufften Lebewesen nach dem Tod vor der Linse ordnungsgemäß gefressen hat, es ist und bleibt trotz allem hochgradig widerlich und erreicht nichts außer dem Jugendschutz mit Schmackes in die Karten zu spielen.
Daneben beißt sich das Skript Gianfranco Clericcis genüßlich und mit Anlauf selbst in den Arsch, in dem es die Gewaltgeilheit, die es der Presse vorwirft, selbst genüsslichst ausspielt. Die Nachvollziehbarkeit dieses Argumentes kann ich persönlich ganz klar mit "jein" beantworten, handelt es sich zwar um zelebrierte, aber fiktive Gewalt. Kurzum: ich halte den Film skriptseitig in etwa für genau so schlau oder dumm wie das jeweilige Publikum. Und da ich bis jetzt größtenteils differenzierte Fans kennen gelernt habe statt der befürchteten fettfingrigen Edgelords, vor denen man Filme wie diesen retten müsste, bin ich guter Dinge, dass der Film im Endeffekt beim richtigen Publikum angekommen ist.
Und damit lege ich den Deckel zurück auf den Fleischkessel: "Nackt und zerfleischt" ist ein mehr als nur zweischneidiges Schwert irgendwo zwischen Effekthorror, Sozialkritik und Nerdheiligtum, dass manch einer in den Schundteil seiner Filmsammlung einsortiert, während andere ihm direkt einen Ehrenplatz zwischen Pasolinis 120 Tagen und Romeros Totendämmerung einräumen. Den Umgang, den man hierzulande zensurseitig mit dem Film pflegt empfinde ich ob seiner eigentlichen Intention im Übrigen als vollkommen falsch. Wenn man sich schon von Seiten diverser Institutionen schwer tut, den Film auf regulärem Wege freizugeben, dann sollte man eventuell darüber nachdenken, den Film mit einem kritischen Kommentar versehen als "Vorbehaltsfilm" einem volljährigen Publikum zugänglich machen, da er auf mehreren Ebenen durchaus als Lehrstück dienen kann und sei es auch nur als Lektion darin, wie man erfolgreich sein Publikum verführt und, dass Satire nicht zwingend humorvoll sein muss.