Nathan Olivers Lady Psycho Killer ist ein sehr interessanter wenngleich nicht völlig geglückter Independent-Film, aus verschiedenen Gründen. So stellt er zum Beispiel die Geschlechterklischees auf den Kopf und macht aus einer jungen, hübschen Studentin eine brutale, gewissenlose Serienmörderin, der siebzehn Männer zum Opfer fallen. Im Zentrum der Geschichte steht Ella (Kate Daly), eine junge, schüchterne Frau mit lieblichem, puppenhaftem Gesicht, die aussieht, als könne sie kein Wässerchen trüben. Doch in ihr brodelt es, und zwar gewaltig. Als der unkonventionelle Dr. Douglass (Michael Madsen) im Psychologieunterricht seinen Schülern den Auftrag erteilt, eine sexuelle Norm zu brechen und im Anschluß darüber zu referieren, bricht aus Ella die mühsam im Zaum gehaltene Psychopathin endgültig hervor. Sie begibt sich in einen schäbigen Stripschuppen, wird vom Inhaber massiv bedrängt, dreht den Spieß kurzerhand um, sperrt den Mann in einen Käfig und schneidet ihm die Kehle durch. Der Auftakt einer grausamen Mordserie...
Ellas erstes Opfer wird von niemand Geringerem als Porno-Legende Ron 'The Hedgehog' Jeremy (One-Eyed Monster) gespielt, der eine dermaßen wunderbar-widerliche Schmierlappen-Performance aufs Parkett knallt, daß sich das Publikum automatisch auf die Seite der Mörderin schlägt. Und nur um sicher zu gehen, daß dem auch so bleibt, geht es als nächstes Malcolm McDowell (A Clockwork Orange) als Ellas Nachbarn Gerald Portersen an den Kragen. Gerald ist der Inbegriff des Dirty Old Man, ein geiler Lustmolch, der das hübsche Ding mit seinen Blicken auszieht und seine Griffel kaum bei sich behalten kann. McDowell spielt das ebenfalls so überzeugend, daß sein Ableben überaus befriedigend ist. Und wo wir schon bei den (ehemaligen) Stars sind, die Regisseur und Ko-Drehbuchautor Nathan Oliver verpflichten konnte... Auch Michael Madsen (Reservoir Dogs) und Daniel Baldwin (John Carpenters Vampires) holen aus ihren kleinen Rollen das Maximum raus und punkten allein mit ihrer jeweiligen Präsenz.
Der Star der Show ist allerdings zweifellos Newcomerin Kate Daly als Ella, die den Film nicht nur mühelos auf ihren zierlichen Schultern trägt, sondern auch in der Hauptrolle auf allen Ebenen überzeugt, was man von den meisten anderen Jungschauspielern leider nicht behaupten kann. Daly ist talentiert, sie hat Charisma, und sie agiert sehr natürlich. Darüber hinaus verleiht sie ihrer Figur eine (tragische) Ambivalenz, wodurch sie dem Zuseher trotz ihrer grausamen Taten ein wenig ans Herz wächst. Ellas etwas komplizierte Familiengeschichte ist mit Schuld daran, daß sie bislang von ihrer überfürsorglichen Mutter Patricia (Meredith Heinrich) behütet wurde, doch nun ist sie flügge und kostet das voll aus. Im Herzen ist Lady Psycho Killer somit ein ungewöhnlicher, (schwarz-)humoriger Coming-of-Age-Film über ein süßes, unschuldiges Entlein, das sich zum aggressiven, mörderischen Schwan entwickelt. Diese Transformation geht jedoch viel zu schnell vonstatten, was deutlich zu Lasten der Glaubwürdigkeit geht. Da hätte sich Oliver mehr Zeit nehmen müssen.
Ein großer Pluspunkt ist hingegen die Entscheidung, das Geschehen von Ella aus dem Off (recht trocken) kommentieren zu lassen, geben diese inneren Monologe doch Einblick in ihre fragile Psyche und den Widerstreit der Gefühle, mit denen sie zu kämpfen hat. Vor allem in Hinblick auf Daniel (Dennis Andres), einem Studenten, zu dem sie vorsichtig eine Beziehung aufbaut. Das bringt so ganz nebenbei die Angst von unerfahrenen Mädchen gut auf den Punkt, sich auf ein Date einzulassen, wo man doch weiß, daß sich hinter der harmlosen Fassade eines jeden Burschen ein perfider Creep verbergen könnte. Lady Psycho Killer ist kompetent gemacht, visuell ansprechend in Szene gesetzt und gut strukturiert. Auch die Musikauswahl (eingängige Pop-Songs als Kontrast zu den harten aber nicht übermäßig blutigen Morden) paßt. Am Ende des Tages läßt Nathan Oliver den Zuschauer selbst urteilen, was er gerade gesehen hat. War es ein drolliges Coming-of-Age-Drama, eine bitterböse Serienmördersatire, oder doch bloß ein billiger Exploitationstreifen?