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„Die spinnen, die Spinnen"

Die Idee ist natürlich nahe liegend. Was seinem Ursprung im gezeichneten Comicstrip hat, findet im Animationsfilm seine logische Fortsetzung. Ob der ungeahnten technischen - und inzwischen vor allem auch finanziellen Möglichkeiten - des modernen Realfilms hat man fast vergessen, dass es einst nur animiert/gezeichnet ging, wollte man einigermaßen vorlagentreu sein. Back to the roots könnte man also auch sagen, wenn man den Spinnenmann nach der Raimi-Trilogie und zwei schnell folgenden Reboots nun auch als computeranimiertes Abenteuer ganz groß raus bringt.

Die gute Nachricht gleich mal zuerst: Man muss nicht zum gefühlt hundertsten Mal episch ausgewalzt mit ansehen, wie der nerdige Teenager Peter Parker von einer mutierten Spinne gebissen wird, langsam seine neuen Kräfte sowie die nicht ganz so neue Liebe zur schnuckeligen Nachbarin entdeckt um schlussendlich dann als selbstloser Superheld New York von den bösen Buben zu säubern. Zwar wird uns das alles zu Beginn im Fast Forward-Modus dennoch untergejubelt, aber eben nur zur Einführung in ein ganz neues Universum, das sogenannte Spider-Verse. Dort tummeln sich in verschiedenen Welten diverse Inkarnationen der Super-Spinne, die nun mittels einer äh ja „Dimensionskoppelung" plötzlich in dieselbe Welt katapultiert werden. Ein Experiment des Supergangsters Wilson Fisk alias Kingpin, der auf dieses Weise seine getötete Familie zurück holen wollte, hatte all dies ausgelöst. Nach anfänglichen Differenzen schließt sich die illustre Spider-Combo dann schließlich zusammen, um weitere Schandtaten Kingpins mit dem Teilchenbeschleuniger zu verhindern.

So pfiffig der Einfall zunächst anmuten mag, mit dem 2011 kreierten „Black Spiderman" Miles Morales eine neue Zielgruppe zu erschließen, so wenig befriedigend ist das Endergebnis. Schon bei seiner Einführung als Comicfigur war Morales ob seiner offenkundigen political correctness-Assoziationen ja schon nicht unumstritten gewesen, wobei der Einwand wozu es überhaupt eine weitere Inkarnation des Spinnenmannes braucht, noch deutlich gewichtiger scheint. Zudem wurde die Figur hier noch weiter verjüngt, was die superheldische Glaubwürdigkeit nicht gerade fördert.
Damit nicht genug, hat man wie erwähnt auch noch vier weitere Kollegen ins vogelwilde Rennen geworfen und dementsprechend hyperaktiv wirkt das ganze Spektakel dann auch. So dürfen neben Morales auch noch ein abgehalfterter Peter Parker samt Wampe, eine nassforsche Spider-Woman samt Girlie "Charme", ein ultracooler Spider-Man Noir samt Marlowe-Gehabe und eine - nein, das ist kein Scherz - Schweinchenversion alias Peter Parker / Spider-Ham im fröhlichen Kingpin-Gekloppe mit mischen. Das ist dann am Ende auch genauso doof wie es sich liest. Die ungleiche Combo wirkt wie ein wüst zusammen gewürfelter Haufen hibbeliger Freaks, quasi der Suicide Squad für Grundschüler.

Die optische Darbietung treibt dieses Szenario dann noch auf die Spitze. Bei aller technischen Perfektion und der im Grunde sympathischen Idee mal was anderes zu präsentieren, ist man schon nach wenigen Minuten komplett ermüdet, entnervt und erschlagen von dem visuellen Overkill, der wie ein LSD-Trip für Pokemon-Freaks daher kommt. Gut, wer seit seinem fünften Lebensjahr die künftige Zocker-Karriere akribisch vorbereitet, wird vermutlich ganz doll Spaß haben. Ständig ist alles in Bewegung, ständig blitz an allen Ecken irgendetwas knallbunt auf, ständig dröhnt der ebenfalls hyperaktive Score aus allen Richtungen. Kurz: ein ADS-Rummelplatz für den sehr jungen Konsolenfetischisten von nebenan. Ein Glück, dass die eigentliche Handlung völlig Banane äh banal ist, so dass man sich ganz dem audiovisuellen Overkill hingeben kann - oder eben muss. Und wird es dann doch mal für ein paar Sekunden ernst und bedeutungsschwanger, dann wirkt das reichlich deplatziert und entsprechend aufgesetzt.

Der Academy war dieses quietschbunte Brummkreiselgedöns den Oscar für den besten Animationsfilm wert. Vielleicht gabs vorher ein paar bewusstseinserweiternde Drops zum Lutschen, am besten noch die knisternden, quasi das Kino mit allen Sinnen, oder vielleicht doch eher von allen Sinnen?

Wie dem auch sei, „Spider-Man: Into the Spider-Verse" blieb vor allem international doch mehr als deutlich hinter Marvels Realfilmen und auch der anderen Disney-Animationskonkurrenz zurück. Das erspart uns vielleicht eine weitere Sequelitis, oder sie probieren es einfach in einem anderen Universum noch einmal. Dazu haben wir dann ja „leider" keinen Zugang.   

     

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