Review

kurz angerissen*

Wer braucht schon Metaphern, wenn man die Augenbinde auch wörtlich nehmen kann, dachten sich Millionen von Zuschauern und hatten einfach Spaß mit ihrer dümmlichen "Bird Box"-Challenge - wie das Kleinkind, das am Rascheln des Geschenkpapiers mehr Interesse zeigt als am eigentlichen Geschenk. Vielleicht ist es der Film auch selbst schuld. Schon wieder wird ein Haus voller Überlebender zum sozialpädagogischen Experiment. Welch buntes Viertel das sein muss, in dem Alte, Junge, Schwarze, Weiße, Gesellige, Alleinstehende, Introvertierte und Extrovertierte als perfekte Haribo-Mischung in die Tüte gefüllt werden, damit im Angesicht der drohenden Apokalypse die Labormäuse unter der Käseglocke beobachtet werden können.

Der intensive Auftakt mit seiner herben, naturgebundenen Optik und den bedrohlichen Eindrücken von willenlos den Tod umarmenden Befallenen hätte jedenfalls eine einfallsreichere Weiterverarbeitung verdient gehabt. Was wie ein ambitioniertes Re-Imagining von M. Night Shyamalans "The Happening" beginnt, der sein vorhandenes Horror-Potenzial nicht nutzen konnte, fügt sich schließlich standardisierten Erzählmethoden, die sich völlig auf ihre rohe Prämisse verlassen und mit isolierten Suspense-Situationen zu punkten versuchen - Autofahrten im abgedunkelten Auto per GPS und blinde Navigation über einen wilden Fluss inklusive. Die Parallelmontage, mit der zwei zeitlich voneinander getrennte Ebenen verknüpft werden, bringt kaum inhaltlichen Zugewinn; genauso gut hätte man sich ganz auf den Survival-Faktor konzentrieren und die Vergangenheit in Mimik und Verhalten andeuten können.

Zumindest bleibt "Bird Box" auf einer oberflächlichen Ebene durchweg packend, auch weil die Überlebensregeln nicht ganz so festgezurrt sind wie bei "A Quiet Place", dem anderen Horrorfilm der Sinne im Jahr 2018. Sein großes Ziel allerdings, als Parabel auf Bindungsängste zu fungieren, verbaut man sich schon mit der Hauptfigur, die das Shoegazing als Abwehrstrategie gegen Sozialkontakte so verbissen praktiziert, dass sie selbst ihre Kinder nur "Junge" und "Mädchen" nennt. So gesehen eine repräsentative Vertreterin der stereotypen Darstellung von Charakteren, die in diesem Film angewendet wird.

*weitere Informationen: siehe Profil

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