Review

Severin, Severin, speak so slightly
Severin, down on your bended knee
Taste the whip, in love not given lightly
Taste the whip, now plead for me

I am tired, I am weary
I could sleep for a thousand years
A thousand dreams that would awake me
Different colors made of tears


Venus in Furs, from the album The Velvet Underground & Nico (1967)
The Velvet Underground
Songtext (Auszug) - Written by Lou Reed

Severin (Régis Vallée) hat Gelüste. Spezielle Gelüste. Geweckt wurden diese Gelüste bereits in seiner Kindheit, genau genommen an jenem Tag, an dem er das Dienstmädchen der Familie heimlich beim Sex mit dem Chauffeur beobachtete. Unglücklicherweise war der Junge nicht vorsichtig genug und wurde prompt beim fröhlichen Spannen erwischt, woraufhin ihm von der empörten Bediensteten ordentlich eine gescheuert wurde. Das hübsche Mädel bereute jedoch sofort ihre heißblütige Überreaktion und drückte den armen Kleinen fest an ihren wohlgeformten, nackten Busen, um ihn zu trösten. Die Saat war gesät, der Boden war fruchtbar, das Pflänzchen gedieh prächtig. Als Severin, nun so um die dreißig Jahre alt, der hübschen Wanda von Dunajew (Laura Antonelli, Malizia) begegnet, ist es um ihn geschehen. Er kann die Augen nicht von dieser Frau lassen, verfolgt sie mit seinen Blicken, spioniert ihr nach und sieht ihr schließlich sogar durch ein Guckloch beim Sex zu. Wanda bleibt der sie stalkende Voyeur nicht verborgen, und im Gegensatz zu den meisten Frauen genießt sie seine ungewöhnlichen Aktivitäten. Eine seltsame Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf, die sogar in eine mehr oder weniger spontane Heirat gipfelt. Doch bald zeigen sich Risse in der ungesunden Beziehung, welche sich rasch vertiefen und bizarre Gewalt(phantasien) nach sich zieht (ziehen).

Basierend auf der Novelle des österreichischen Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch aus dem Jahre 1870 inszenierte Massimo Dallamano (Cosa avete fatto a Solange? aka Das Geheimnis der grünen Stecknadel) Ende der 1960er-Jahre ein prickelnd-kontroverses, lustvoll-perverses Erotikdrama, das gleichermaßen erregt wie verstört. Das Verhältnis des getriebenen Protagonisten zur Sexualität ist zutiefst gestört. Lust und Schmerz, Hingabe und Demütigung, Zuschauen und Bestrafung, das alles gehört für ihn zusammen, ist untrennbar miteinander verwoben. Wobei die Rollenverteilung von Anfang an feststeht. Severin ist nicht der dominante Part der Beziehung, sondern der unterwürfige. "I want you to make me suffer!", fordert er von seiner Geliebten. "You are my mistress, I am your slave." Und weiter: "I want no limits... to your cruelty." Wanda kommt seinen Wünschen anfangs gerne nach. Bis sie einerseits des Spiels überdrüssig wird und sich andererseits herausstellt, daß es sehr wohl Grenzen für Severin gibt, und daß ein Überschreiten dieser Grenzen ihn um den Verstand zu bringen droht. Für das katholische Italien Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger war diese freizügige SM-Phantasie viel zu starker Tobak; dem Film wurde erst die Freigabe verweigert, dann wurde er heftig zensiert und überarbeitet. Erst 1975, sechs Jahre nach seiner Entstehung, erblickte er in stark veränderter Form das Licht der italienischen Leinwände.

"For a second I thought you wanted to kill me. It was beautiful. Absolutely beautiful."

Selbst wenn man mit der SM-Thematik nichts anzufangen weiß, ist Le malizie di Venere ein faszinierendes, bisweilen sogar aufwühlendes Erlebnis. Die der Geschichte innewohnende Dynamik, die Wechselbäder der Gefühle des masochistisch veranlagten Antihelden, die einfallsreich in Szene gesetzten Liebesspiele, das Verwischen von Realität und Phantasie, die plötzlichen, eruptiven Gewaltausbrüche... Sergio D'Offizis dahingleitende Kamera fängt das alles brillant ein, mal zärtlich voyeuristisch, mal wuchtig brutal wie in der Sequenz, in der Wanda ohne Vorwarnung zur peitschenschwingenden Furie mutiert. Visuell ist der Film ein Genuß. Schöne Schauplätze, schöne Frauen, schöne Sets, schöne Gewänder (auch eines von der pelzigen Art), begleitet von Gianfranco Reverberis eingängigen, leicht psychedelischen Score, der trotz seiner nahezu omnipräsenten Aufdringlichkeit nicht wirklich stört. Das tröstet auch darüber hinweg, daß das Geschehen etwas distanziert abläuft, daß man nichts für die Figuren empfindet und daß es dem sich abspulenden Drama an Spannung und Dramatik mangelt. Böse Zungen behaupten sogar, der Streifen wäre langweilig. Eine Einschätzung, die ich nun wirklich nicht teilen kann, nimmt sich Le malizie di Venere seines quälerischen Themas doch so leidenschaftlich, verführerisch und lustvoll an, daß man auf eine verquere Weise angenehm-sinnlich unterhalten wird.

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