Zeit für „Gänsehaut“!
Nein, nicht für die Jugendgruselserie, die unter „Goosebumps“ firmiert und viele Heranwachsende mit fiesen, kleinen Spukgeschichten vertraut gemacht hat!
Die Rede ist von dem 1969 gedrehten Tigon-Kracher „The Haunted House of Horror“ (uhahaha!), der in den deutschen Kinos als „Gänsehaut“ anlief. Doch beide Titel können die seltsame Ausstrahlung dieses Mischmaschs leider nur unvollständig einfangen.
Anstelle eines satten Krachers aus einem spukigen Gemäuer bekommt man hier nämlich ein liebliches Zwitterwesen aus Psychoschocker und der gelangweilten Attitüde einer Gruppe von „fashion victims“ aus der gloriosen Zeit des „Swinging London“ geboten – wer nicht weiß, was damals bei den Eltern oder den Großeltern in UK los war, dem sei gesagt, dass die Beatles und die Stones nur die Speerspitze eines neuen Selbstbewusstseins bei jungen Leuten waren (so ab Mitte der 60er) und musikalisch, modisch, sexuell und vom generellenl Lifestyle her eine vollkommen neue popkulturelle Identität für mehrere Generationen geschaffen wurden, auch wenn schicke Welle im angestaubten Kingdom bald in andere Gestade lief (in den USA war der Summer of Love angesagt, überall gab es Studentenvorfälle, Autoritäten wurden hinterfragt und Drogen global konsumiert.)
So versuchten die Macher hier also die alte Welt des klassischen britischen Gruslers mit der neuen, hippen Attitüde zu verbinden und schufen eine Art Proto-Slasher mit psychologischen Hintergründen, die dann irgendwann führen sollten, dass man weiß, was wer letzten Sommer (in der Modeboutique?) gemacht hat.
Beeinflußt ist die Chose eindeutig von „Psycho“, aber längst nicht mit der nötigen Raffinesse.
Das liegt daran, dass es eigentlich eine Form von „last try“ war, denn für den Hauptdarsteller Frankie Avalon war es das letzte Zucken seiner Jungstarkarriere.
Avalon war, gerade volljährig geworden gegen Ende der 50er, zu einem rassigen Popidol aufgestiegen und dann ins Filmgeschäft gewechselt, wo er in verschiedenen Produktionen den Quotenjungspund gab, der auch die Teenager ins Kino locken sollte. Später engagierte man ihn für ein sehr erfolgreiches Subgenre (zumindest für ein paar Jahre), nämlich den „Beach Party Film“, bei dem man jungen Leuten dabei zuschauen konnte, wie sie zu launiger Musik und mit knapper Strandbegleitung gar lustig die Kuh fliegen ließen. Avalon war in diesen Billigfilmen ab Anfang der 60er ein „instant hit“, aber der Reiz ließ bald nach, da die Filme nahtlos hintereinander weg gekurbelt wurden und sich in das songstarke Gehampel bald schon einige Horrorbezüge mischten, in dem man irgendwelche Labormonster und Mad Scientists ihr Unwesen treiben ließ (was wiederum bestimmt eine Inspiration für „Scooby-Doo“ war). Als Avalon da rauswollte, drehte er Änhliches rund um Autorennbahnen und hier war dann die Ziellinie im schicken Horror erreicht.
Das Problem: Avalon war nie der heiße Mimiker, wie es seine Tolle versprach und solange die Mucke aus ist, könnte seine Rolle auch ein Holzscheit übernehmen. Das gilt auch für seinen Co-Star Jill Hawerth, die de facto seine Freundin mimt, aber nur beleidigt drein schaut. Darum fokussiert der Plot hier auch verstärkt auf anderen Mitgliedern seiner „peer group“, die eigentlich nur zu entspannter Mucke und ausreichend Ziggies und Pillen ihre fancy Garderobe auf unbequemen Möbeln zur Schau stellen wollen, weil Langeweile gerade wieder trendet. Natürlich sind sie auch latent promiskuitiv und poppen auch mal links und rechts der Beziehung, was aber dennoch Drama bedeutet.
Im Fokus sind natürlich der fesche Gary, der jetzt von der heißen Sylvia (man beachte die Minikleid-Länge) belagert wird. Sylvia hat allerdings gleichzeitig noch ein Problem, denn sie hat sich vorher von dem grimmigen und deutlich älteren Bob bügeln lassen, ist von dessen Kontrollmacke jetzt aber einigermaßen genervt. Da er offenbar nichts zu tun hat, stalkt er Sylvia ununterbrochen, belagert sie und kutschiert sie überall hin, obwohl sie sich gegenseitig nur noch vollmotzen. Neben dem eher nerdigen Peter und seiner quotenpummeligen Freundin, ist dann noch Richard von Bedeutung, der ein wenig wie der junge David Bowie aussieht. Das ist auch kein Wunder, denn die Rolle wurde speziell für den Musiker geschrieben, ging dann aber an Schnucki Julian Barnes.
Nachdem man sich also ausnehmend gelangweilt hat, folgt das Übliche: ab ins Gruselhaus und erst mal Séance abhalten, während man durch die Location stolpert. Und hier ereilt dann ausgerechnet Gary das Schicksal in Form einer langen Klinge, die ihn aus dem Dunkel heraus recht derbe zerschnetzelt.
Natürlich ist das der Auftakt zu vielen Vorwürfen und Hysterie, man versteckt die Leiche und will nie wieder dran denken, aber so ein Vermisstenfall fällt auf und schon bald sieht man sich gezwungen, noch einmal in das Haus zurückzukehren, um alles zu rekonstruieren (fragt nicht!).
In gängigen Kritiken liest man immer das Wörtchen „langweilig“ und auch wenn der Film deutliche Durststrecken hat (und mäßige Darsteller bisweilen), kann ich eine gewisse Faszination nicht abstreiten. Dank Attitüde, Klamotten und Einrichtung, die jeder Beschreibung spotten und noch „spot on“ sind, funktioniert der Film heute noch optisch zum bestmöglichen Effekt. Die Gruselhausatmo ist stabil und mit der falschen roten Sauce (das übliche Hammer-Rot, viel zu flüssig, viel zu leuchtend) wird auch nicht gespart.
Wie der Hase läuft, weiß man aber schon ziemlich schnell und bei 92 Minuten kann gar nicht so viel schief gehen, sollte man meinen. Dennoch scheitert der Film daran, dass er eigentlich keine Meinung vertritt, sogar die Polizei ist jetzt nicht eben besonders feindlich gesonnen (ein Merkmal etwa bei „Dead Line“ von 1972) und psychologisch ist das totaler Mumpitz.
Nach allerlei schicken Belanglosigkeiten geht der Film dann in der Schlußphase dann im Horrorhaus noch mal in die Vollen und präsentiert eine, dramatisch leider ziemlich verquaste, ziemliche deftige Auflösung, bei der nicht immer derjenige überlebt, von dem man es eigentlich erwarten könnte.
Des Mörders Trauma ist natürlich absoluter Gruselwusel und es mangelt an Tempo und Regievermögen (für Michael Amstrong war es sein Kinodebüt), um den Thriller über die Zeit zu retten.
Wer also substanziell an die Sache geht, sollte immer dann etwas vorspulen, wenn sich offenbar nichts Besonderes ereignet und man alle Kostüme abgespeichert hat und kann sich auf die zweieinhalb Sequenzen im Horrorhaus freuen. Dann kommt man auf ein erträgliches Stündchen.
Die erste Schnittfassung wurde übrigens später durch Nachdrehs ergänzt oder vermurkst, das ist schwer zu sagen und bietet jetzt auch nicht sonderlich viel Tiefe, daher kam der Film im Horror-Kanon auch nie über eine verquere Fußnote hinweg, ist aber wohl eher ein modebedingtes Zeitzeichen, als sich die Winde im britischen (Horror-) Kino in andere Richtungen drehten. Prilblumenbunte 4,5/10.