Dem Vergessen entrissen...
Agatha-Christie-Verfilmungen sind immer noch ein gern gesehenes Gut und Charakterköpfe wie Hercule Poirot oder Miss Marple zählen zu den beliebtesten kriminalistischen Ermittlern, sei es nun in filmischer Form oder gedruckt.
Eher unbekannt sind jedoch die literarischen Vorlagen der Agatha Christie, wenn es eben mal nicht um ihre berühmtesten Protagonisten geht und nicht selten ist das Vorhandensein eigenständiger Einzelromane gänzlich unbekannt.
"Endless Night", der im Deutschen etwas fragwürdig "Mord nach Maß" heißt, ist nicht nur nach einem solchen Einzelwerk entstanden, der Film selbst zählt zu den unbekannteren Christie-Verfilmungen, obwohl er sich relativ eng an die Vorlage hält, zumindest was den Grundplot angeht.
Da es sich nicht um einen typisch detektivischen Plot handelt, sondern um ein Krimi-Drama mit psychologischen Untertönen und gruseligen Anklängen, verbindet man die Autorin auch nicht unbedingt damit, wenn man über die Herkunft der Vorlage nicht informiert ist.
Erzählt wird die Geschichte eines ambitionierten, aber eher armen jungen Mannes, der sich als Chauffeur verdient und den Traum eines besseren, reicheren Lebens träumt, weswegen er auf kostspieligen Auktionen auch spaßeshalber mitbietet und der sich in ein Stück Land verliebt hat, das jenseits seiner finanziellen Möglichkeiten liegt. Dieses Land, "Gypsy's Acre", auf dem ein Fluch liegen soll, rückt in Reichweite, als er zufällig die Bekanntschaft eines jungen Mädchens macht, das sich als eine der reichsten Erbinnen des Königreichs entpuppt. Gegen den zahlreichen Widerstand ihrer geldgierigen Verwandtschaft heiratet er sie und wähnt sich in seinem Traumhaus auf dem Land schließlich am Ziel seiner Wünsche, doch er wird ständig seltsam bedrängt, eine enge Freundin seiner Frau macht ihm seinen Platz streitig und eine geheimnisvolle alte Dame taucht geisterhaft immer wieder auf, um ominöse Warnungen auszustoßen.
Und dann geschieht ein Unfall, der seiner Frau das Leben kostet...
Leider liest sich die Story besser als sie in Filmform daherkommt. Altmeister Sidney Gilliat tat sich mit seinem letzten Film wahrhaftig keinen großen Gefallen, obwohl einige der Sequenzen durchaus gewisse Qualitäten besitzen und sogar einigermaßen für Stimmung sorgen. Die ersten Bilder, die einen horriblen Alptraum darstellen, der schon den Tod der Ehefrau andeuten, sind sogar meisterhaft und kurz vor Schluß gibt es eine Parallelsequenz, die durchaus für ein gewisses Frösteln sorgen kann, ansonsten braucht der Film aber viel zu lange, um aus den Startlöchern zu kommen.
Per Voiceover begleitet von Protagonist Michael selbst, widmet man sich zu lange der Erklärung seiner Herkunft, seiner Situation und seiner Absichten, bis sich ein gewisses Bild ergibt. Der zentrale Konflikt bleibt zulange nebulös, ob das Drama nun übernatürlicher oder krimineller Herkunft sein soll, wird in der Schwebe gehalten, weil schon gut eine Stunde um ist, bis es überhaupt zu dem Todesfall kommt.
Ein langsamer, sorgfältiger Aufbau ist zwar nach dem allgemeinen Schreibstil der Autorin (zumindest in einigen Fällen), doch hier ergeben sich zu wenige konkrete Anhaltspunkte, was man mit der Geschichte überhaupt anfangen soll.
Zusätzlich weist eine Szene relativ früh im Film den Verdacht gleich auf den Protagonisten, was einer erzählerischen Hypothek gleich kommt, weil man stets damit rechnet, ein Schema oder einen Plan durchschauen zu müssen, obwohl es dafür noch nicht einmal Anhaltspunkte gibt.
Erst spät beginnt sich das Figurenkarussell zu drehen: Britt Ekland als deutschstämmige penetrante Freundin, "Miss Moneypenny" Lois Maxwell als zickige Verwandte, Per Oscarsson als seltsamer Hausarchitekt, George Sanders (in einer seiner letzten Rollen vor seinem Suizid) als Familienanwalt, die seltsame Landgemeinde mit leicht skurilen Typen, die mysteriöse alte Dame.
Obwohl hervorragend fotographiert, versagt hier das Konzept, weil es zu wenig rote Heringe gibt, nach denen man nur spaßeshalber greifen kann, man fischt komplett im Trüben, bis sich das falsch temperierte Skript praktisch auf der Schlußgeraden einem kompletten Plot-Twist hingibt, der das bisher Gesehene auf den Kopf stellt. Praktisch in den letzten 10 Minuten kippt der Film, um dann tatsächlich eine Reihe von Fragen offen zu lassen, als sich eine Figur als praktisch "nicht existent" herausstellt und mittels variabel gefilmter Rückblenden das bisherige Bild gewisser Figuren vollkommen dreht.
Angesichts der heutigen Skriptmode war das für 1972 sicherlich originell, befriedigend ist es aber nicht, denn für jede atmosphärische Szene muß man durch drei hindurch, die im Nachhinein wenig Sinn machen und wer oder wie jemand in den Mordplan involviert war, muß man sich anschließend diskutabel zusammen reimen (ich gebe zu, ich mußte sogar nachlesen, weil die Auflösung praktisch wegwerfend präsentiert wird).
Wer Spaß am Rätseln soll sich den Film besorgen, besonders zufriedenstellend ist er jedoch nicht ausgefallen, allerdings sind wie gesagt einige denkwürdige Momente enthalten, die Appetit auf mehr machen. Eine Analyse bei zweiter Ansicht fällt vermutlich amüsanter aus, als die Erfahrung einer Ersterfahrung, aber grundsätzlich kann man eine Literaturverfilmung, die ihre Stärken technisch und narrativ nicht ausspielen kann, eigentlich nur als gescheitert ansehen.
Aber Kuriositätenwert ist immer noch besser als langweilige Dutzendware. (4/10)