Review
von Leimbacher-Mario
Am Arsch der Welt
Schon wieder greifen uns (zumindest eine Art) Klone aus dem Untergrund an. Nachdem Jordan Peele vor wenigen Monaten erst in „Us“ die Horrorfans gefordert (und gespaltet) hat, kommt nun mit „The Hole in the Ground“ ein gar nicht mal so unähnlicher Chiller in die Kinos. Und zwar nicht nur einmalig etwa aufs Fantasy Filmfest, sondern richtig ins deutsche Kino. Das ist lobenswert. Aber typisch A24, der Name bzw. die drei Zeichen stehen für Qualität und sogar einige moderne Klassiker. Das ist „The Hole in the Ground“ sicher nicht, allein weil er eher Versatzstücke clever vermischt als neue Wege zu gehen, doch insgesamt ist es ein solider Folk-Horror geworden, der grüner und irischer kaum sein könnte. Ein adretter Mix aus Arthouse und modernen Horrorgewohnheiten. Es geht um eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrem Sohn in ein etwas abgelegenes Haus am Waldrand zieht. Doch als ihr Sohn eines Tages in der Nacht wegläuft und wie ausgetauscht wieder kommt, wachsen ihn ihr die Skepsis und der Verdacht, dass das riesige, atmende Erdloch im Wald etwas damit zu tun haben könnte...
„The Hole in the Ground“ zitiert von „The Witch“ über „The Monster“ bis zu Klassikern wie „Shining“ oder „The Changeling“ sehr viel, was Rang und Namen in Sachen Gänsehaut hat. Warum auch nicht, wenn es derart homogen und gefühlvoll und kompetent zusammengeführt wird. Um in die Elite vorzustoßen fehlt vielleicht noch ein Quäntchen Eigenständigkeit und das Finale entlädt für mich ärgerlich viel aufgebaute Spannung anstatt sie zu einem Höhepunkt zu treiben. Außerdem agieren nicht alle Figuren immer logisch oder clever und das Creature Design spielt sicher nicht Champions League. Insgesamt ist das Gesamtbild aber sehr stimmig. Audiovisuell macht die kleine irische Produktion viel aus ihren Möglichkeiten, die dichten Wälder mit ihren vielen, schlammigen Grün- und Brauntönen tragen ebenso viel zur dichten, düsteren, pulsierenden Atmosphäre bei wie der pfeifende Soundtrack und das tolle Mutter-Sohn-Gespann, sowohl als Darsteller sowie als ihre Figuren. Vor allem die ersten zwei Drittel enthalten meisterhafte Momente und zu fühlen, wie dein Kind dir wegdriftet und nicht mehr er selbst ist, oder du selbst eben dies tust, ist eh der größte Horror und psychologisch maximal beunruhigend. Hintenraus nimmt er sich dann selbst viel seiner Ambivalenz und Eleganz, doch Fans gepflegten Grusels kommen um dieses Loch mit Boden nur schwer herum. Spätestens dann im Heimkino und Streaming, wo er sicherlich genauso gut funktioniert. Ein ungeschliffener Diamant. „Nightbreed“ trifft auf Nietzsche.
Fazit: vom Wechselbalg und Düstereald, von atmenden Löchern und der kämpfenden Mutter, von irischem Whisky und untrüglichem Instinkt, von Nachtschattengewächsen und denen da unten - „The Hole in the Ground“ verschmilzt geschickt „The Hallow“ und „The Babadook“ zu einem spannenden Gruselstück. Besonders für alleinerziehende Mütter. Selbst wenn das plakative und (übers Budget) aufgeblasene Finale viel Wind aus den Segeln unserer Alpträume nimmt. Gourmethappen mit leichten Abzügen in der A-Note.