Martin ist ein stiller, äußerst verschlossener junger Mann mit einem mehr als obskuren Fetisch: Er liebt es Menschen aufzulauern, sie zu betäuben, ihnen dann die Pulsadern zu öffnen und ihr Blut zu trinken. Mhm, macht in der Tat nicht jeder...
Für Martin ist dies aber wie eine Sucht. Er schämt sich für seine Taten, weiß nicht mit seiner Neigung umzugehen, braucht den roten Lebenssaft aber wie ein Junkie den Schuss.
Erst kürzlich ist Martin in eine Kleinstadt zu seinem Cousin Coda gezogen, welcher genauso gut sein Großvater sein könnte. Coda ist ein strenger Katholik, ein bibeltreuer Christ und er weiß von Martins Neigung.
Coda verbietet dem Jungen aber nicht nur den Kontakt zu Fremden, er verteilt im Haus sogar Knoblauchstauden, hält Martin zu jeder nur erdenklichen Gelegenheit das Kruzifix vor und hetzt dem Armen gar einen Exorzisten auf den Hals.
Doch ist Martin wirklich ein Vampir?
Romeros MARTIN ist ein Außenseiter-Drama der besonderen Art. Das Leben des von der Welt missverstandenen Einzelgängers wird ebenso gekonnt porträtiert, wie das erzkonservative Umfeld, welches jegliche Form der Andersartigkeit missbilligt.
Besonders die Rolle des Unsympathen-Opas Coda weiß zu überzeugen: Nach Außen hin und vor der kleinkarierten Dorfgemeinde gibt er sich als der brave, unbescholtene Bürger, bei sich zu Hause kommt dann aber der Gürtel zum Einsatz.
Zwar lebt der Film hauptsächlich von seinem bedrückend tristen Grundton und seinen beängstigend authentisch erzählten Schicksalen, Blut fließt, wenn auch nur selten, aber ebenfalls zuhauf.
Besonders die Szenen, in denen Martin seiner Neigung freien Lauf lässt und den betäubten Frauen die Pulsadern aufschlitzt, fallen echt beinhart aus, zumal sie auch einen ganz schön perversen Touch haben...
Die Story lässt von der Originalität her also jedes "Interview mit einem Vampir" blass aussehen. Schauspieler sind auch allesamt top (in Nebenrollen sind sogar FX-Guru Tom Savini und Romero himself zu entdecken).
Allerdings gibt sich der Film nicht wirklich Mühe zu unterhalten. Die pessimistische Stimmung schlägt zwar ohne Frage in ihren Bann, Martins Auflauer-Aktionen fallen aber fast ein wenig langatmig aus.
Nichts desto Trotz:
MARTIN ist ein moderner Vampirfilm... und mit "modern" mein' ich jetzt nicht "Buffy"- und "Angel"-modern, sondern "Weg von den alten Klischees"- und "Wow, in dieser Form könnte Vampirismus wirklich existieren!"-modern.
Romero - hier in seinen besten Jahren - beschert uns mit MARTIN einen herrlich untypischen Horrorfilm, eine umwerfende Interpretation des ollen "Dracula"-Themas und eine Außenseiter-Studie der ganz besonderen Art.
Absolut sehenswert!